Die Spiegelreisende by Dabos Christelle

Die Spiegelreisende by Dabos Christelle

Autor:Dabos, Christelle
Die sprache: deu
Format: epub, azw3
Tags: Abenteuer, Anima, Arche, Babel, Crossover, Emanzipation, Fantasy, New Adult, Ophelia, Stem-Punk, Thorn, Young Adult
Herausgeber: Insel Verlag
veröffentlicht: 2020-01-02T00:00:00+00:00


Die Schleife

SÜHNE. KRISTALLISATION. ERLÖSUNG. Ophelia nahm die Buchstabenintarsien der Steinplatten unter ihren Fußsohlen wahr und den schweren Duft der Weihrauchschalen rundherum. Die gigantischen Pfeiler des Kirchenschiffs wirkten ebenso bleiern wie der Hagel, der sie beinahe erschlagen hätte, während ein Gefolge von Beobachtern sie hierher begleitet hatte. Ein Hagel, der diesem Ort nichts anhaben konnte. Die stummen Kirchenfenster bildeten einen auffälligen Kontrast zu dem Tumult draußen.

Wo befand sich das zweite Protokoll wirklich? Sie waren auf einem anderen Weg gekommen als dem, der sie das letzte Mal hergeführt hatte. Sie hatten erst einen unterirdischen Stollen durchquert und waren dann eine enge Treppe hochgestiegen. Seitdem gab es nur noch eine endlose Abfolge immer gleicher Säulen, Kirchenfenster, Weihwasserbecken und Kapellen.

Als wäre sie in der Rille einer Schallplatte gefangen.

Auf ihre Augen konnte Ophelia sich nicht verlassen, also konzentrierte sie sich auf ihre Ohren. Die vom Regen durchweichten Kleider der Beobachter machten ein tröpfelndes Geräusch, das sich mit dem Klatschen ihrer Sandalen vermischte. Sie umgaben Ophelia wie eine bewegliche Mauer und drängten sie unaufhaltsam vorwärts, wortlos und ohne sie zu berühren. Es waren viele – zu viele, um sie mit ihren Krallen abzuwehren.

Da hatte sie sich mal wieder schön in die Tinte geritten. Sie fragte sich, ob sie Mediana auf ihrem Betstuhl ablösen würde, konnte sie aber nirgends entdecken. Hatte man die Weissagerin schon ins dritte Protokoll gebracht? Würde ihre falsche Graburne bald all die anderen im Kolumbarium ergänzen?

Ophelia hätte Angst haben müssen. Die Falle, die sie unbedingt hatte umgehen wollen, war zugeschnappt, und Thorn wusste vermutlich nichts davon.

Der Zug der Beobachter hielt an. Gemeinsam bildeten sie einen unentrinnbaren gelben Korridor, der bis zur Tür einer der Kapellen führte. Ihre Gesichter, so wachsam sie hinter den Kneifern sein mochten, blieben verschlossen; ihre Arme in den langen ledernen Handschuhen regten sich nicht. Ophelia brauchte nur einen Knauf zu drehen, doch sie rang ewig mit ihrer linken und ihrer rechten Hand, ehe sie es fertigbrachte. Kaum war sie durch die Tür getreten, wurde diese hinter ihr verriegelt. Das war alles. Niemand hatte ihr gesagt, was man von ihr erwartete, genau wie beim ersten Protokoll.

Blinzelnd versuchte Ophelia die Farbenflut zu entwirren, die sich in ihren Wimpern verfing. Die Kuppel der Kapelle wurde durch ein rundes Buntglasfenster erhellt und bestand aus lauter beweglichen Reflektoren, die unter dezentem mechanischen Surren jede Sekunde ihre Position veränderten. Ophelia wandte sich sofort davon ab. Es war dasselbe Prinzip wie im Kaleidoskoptunnel und im Projektionszelt: Hinzusehen würde die Verschiebung ihrer Familienkraft weiter verstärken. Oder Schlimmeres. Sie verkrampfte die Schultern, als könne sie damit das von Secunda prophezeite Abreißen ihres Schattens verhindern. Sie verabscheute die Vorstellung, dass sich die Zukunft im Voraus ankündigte, ebenso wie sie dieses blutüberströmte Spiegelbild verabscheute, das sich ihr nun schon zwei Mal aufgedrängt hatte wie die Verheißung eines nahen Todes. Sie war nicht in der Lage, das »Aerargyrum« zu sehen, aus dem die Schatten und Echos bestanden, doch wenn man es wirklich in Materie umwandeln konnte, dann würde sie die Zukunft auf ihre Weise formen.

Die Kapelle war leer. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank, nichts.



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