Der Nächste, bitte! by Unknown

Der Nächste, bitte! by Unknown

Autor:Unknown
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783426555507
Herausgeber: Knaur eBook


Nachdem wir den letzten Krümel der Limonentarte verdrückt hatten, die es zum Nachtisch gab, und uns kugelrund fühlten, beschlossen wir, einen Verdauungsspaziergang durch die quirligen Gassen zu machen. Schließlich bogen wir auf den Boulevard Saint-Michel ein und steuerten auf die Seine zu.

»Ich liebe diese Stadt«, sagte ich mit Blick auf die schönen alten Gebäude und die lebhaften Straßencafés. »Du bist ein echter Glückspilz, dass du hier so viel Zeit verbringen darfst.«

»Ja, das bin ich«, sagte er, legte seinen Arm um meine Taille und führte mich über die Straße zur Pont Neuf, was übersetzt zwar so viel wie »neue Brücke« hieß, in Wirklichkeit aber eine der ältesten Brücken in Paris war. Auf halber Höhe blieben wir stehen, lehnten uns über die Steinbalustrade und blickten in den dunklen, launischen Fluss, auf die Wasserspeier von Notre-Dame und die flimmernden Lichter der Stadt dahinter. Just, als ich mich sachte an ihn lehnte und dachte: Küss mich!, zog er mich zu sich und drückte seine Lippen auf meinen Mund.

Wie schon beim ersten Mal hatte ich einiges getrunken. Aber der Rausch, der mich in diesem Moment packte, hatte nichts mit Alkohol zu tun. Ich war trunken vor Leidenschaft – einem Gefühl, das ich seit Urzeiten nicht mehr kannte und das selbst bei Michael binnen kürzester Zeit abgeebbt war.

Meine Hände erforschten Max’ Körper, spürten durch das weiche Baumwollhemd die straffen Muskeln an Schultern, Armen und Brust. Sein Griff verstärkte sich, und er presste seinen Körper eng an meinen, während seine Lippen meinen Hals suchten.

Dann flüsterte er mir ins Ohr: »Komm mit mir ins Ritz.« Ich blickte ihm tief in die Augen. »Ich kann nicht.«

»Warum?«, fragte er, zupfte mit den Lippen wieder an meinem Hals, womit er um ein Haar erreicht hätte, dass ich meine Meinung änderte.

Doch dann dachte ich an die viele Fahrerei, die damit verbunden war: wir, wie wir beide zum Ritz fuhren, ich, wie ich in aller Herrgottsfrühe zum Grandhotel zurückfuhr, um meine Sachen zu holen, ehe ich völlig übermüdet einen weiteren Arbeitstag mit dieser widerlichen Crew überstehen musste. Mit einem leisen Seufzen sagte ich: »Ich kann wirklich nicht. Ich fliege morgen früh schon zurück.«

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte er sehnsüchtig.

»Ich weiß es nicht.« Ich dachte darüber nach, dass Boston nur einen kurzen Flug entfernt war.

»Komm zurück nach Paris. Morgen.«

»Was?« Ich musterte ihn verwundert. War das sein Ernst?

»Du landest doch, bevor die nächste Maschine nach Paris abhebt, oder?«

»Schon«, sagte ich nach kurzem Zögern.

»Und du kannst umsonst fliegen, nicht wahr?«

Ich nickte im Zeitlupentempo.

»Du gehst einfach durch den Zoll, drehst um und kommst wieder zurück. Hast du nicht erwähnt, dass du den Rest der Woche frei hast?«

»Ja, aber …«

»Das ist doch perfekt. Ich sage Jean Claude, er soll dich abholen. Du kannst bei mir wohnen.«

»Aber … was ist mit meinen Kleidern? Ich meine, mir bliebe keine Zeit, nach Hause zu fahren und neu zu packen«, sagte ich und merkte augenblicklich, wie lahm meine Entschuldigung klang. Sein Vorschlag reizte mich durchaus, doch ich wollte noch ein wenig überredet werden.

Max machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wozu sind wir in der Stadt der Mode?«, meinte er.



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