Das Bernstein-Amulett: Geschichte einer Familie aus Deutschland (German Edition) by Peter Prange

Das Bernstein-Amulett: Geschichte einer Familie aus Deutschland (German Edition) by Peter Prange

Autor:Peter Prange [Prange, Peter]
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Familienroman
Herausgeber: hockebooks
veröffentlicht: 2018-08-12T16:00:00+00:00


3

Zur selben Stunde betrat Alex in Essen die Villa der Familie Westphal. «Ah, Tabac Original! Meine Marke», sagte Richard mit schnuppernder Nase, als er Alex in der Halle den Hut abnahm. «Kompliment, Cousin Alex, du begreifst ziemlich schnell. – Am besten, wir gehen gleich ins Herrenzimmer. Papa kommt in ein paar Minuten. Er ist bester Laune, zum Frühstück hat er eine komplette Sülze verputzt.»

Alex versuchte zu lächeln. Richard hatte eine Art, «Cousin» zu sagen, die zwischen ihnen mehr Distanz als Nähe schaffte. Außerdem war er wieder so elegant gekleidet wie ein Pariser Modeschöpfer. Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, aus dessen Brusttasche ein silbergraues Einstecktuch hervorschaute, und sein schwarzes Haar hatte er mit Brillantine frisiert. Im Vergleich zu ihm kam Alex sich direkt schäbig vor, trotz seiner Krawatte.

«Ich dachte, ich sollte zuerst deine Mutter begrüßen.»

«Du meinst, du willst das Grünzeug loswerden?» lachte Richard und drückte den kleinen Nelkenstrauß, den Alex unterwegs noch rasch gekauft hatte, einem Dienstmädchen in die Hand. Hoffentlich, dachte Alex, fand sie in dem riesigen Haus eine Vase, die klein genug für die paar Blumen war. Richard legte ihm gönnerhaft den Arm um die Schulter. «Die Verwandtschaftsrituale können wir beim Mittagessen erledigen.»

Sie gingen die breite Treppe hinauf. Zwei Tage hatte Alex nach seiner Ankunft bei den Westphals gewohnt, dann hatte Richard ihm die Firmenwohnung besorgt. In der Villa gab es Zimmer für jeden erdenklichen Zweck: gleich mehrere Dutzend zum Schlafen, Essen und Wohnen, einen Festsaal, eine Bibliothek, ein Billardzimmer, verschiedene Küchen und Vorratskammern, Räume für das Putzen von Silber und das Bügeln von Anzügen... Mit jedem Schritt schrumpfte Alex' Selbstbewusstsein. War er eigentlich verrückt geworden? Wer war er denn, gemessen an diesen Leuten? Ein Nichts! Ein kleiner Physiker, der die letzten Jahre statt im Labor im Gefängnis verbracht hatte... Und er wollte hier einen Vortrag halten, über die Zukunft der Firma Westphal? Mit einem Mal wurde er so nervös, dass er am liebsten davongelaufen wäre.

Zum Glück ließ Alfred Westphal nicht lange auf sich warten. Alex und Richard wollten gerade an dem großen Konferenztisch im Herrenzimmer Platz nehmen, als die massige Gestalt des Firmenchefs in der Tür erschien. Alfred war fast siebzig Jahre alt, an die drei Zentner schwer und hatte eine spiegelblanke Glatze. In der Mitte des Raums blieb er stehen, beide Daumen in den Taschen seiner Weste vergraben, die sich samt der goldenen Uhrkette um seinen Bauch spannte, rülpste einmal laut und polterte dann mit seiner tiefen Bassstimme:

«Zum Teufel! Hier stinkt's ja wie im Puff!»

Alex zuckte schuldbewusst zusammen. Richard verzog keine Miene, sondern betrachtete nur seine schmalen, sorgfältig gepflegten Hände. Alfred ging ans Fenster und machte beide Flügel sperrangelweit auf, um zu lüften.

«Hast du wieder in Rasierwasser gebadet, Richard? Weibische Angewohnheit!»

«Ach, Papa, das haben wir doch schon tausendmal...»

«Zu meiner Zeit genügten Wasser und Seife, um sich zu waschen», schnitt Alfred ihm das Wort ab. «Außerdem sollst du mich nicht Papa nennen, man muss ja glauben, du hättest noch einen Matrosenanzug an.» Er schloss das Fenster und nahm am Kopfende des Tisches Platz. «Und jetzt zu dir – ja, du da», sagte er zu Alex.



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