Canetti, Elias by Die Blendung

Canetti, Elias by Die Blendung

Autor:Die Blendung
Die sprache: deu
Format: azw3, mobi
veröffentlicht: 2014-05-26T22:00:00+00:00


Enthüllungen

Als Fischerle heftig zwinkernd in der Glastür auftauchte, wurde er von Kien mit einem milden Lächeln begrüßt. Der barmherzige Beruf, den er seit kurzem übte, stimmte seine Seele weich und sie fühlte sich zu Gleichnissen veranlaßt. Sie fragte sich, was das Aufblinken der melancholischen Leuchtfeuer zu bedeuten habe; die verabredeten Signale waren ihr mit dem reißenden Strom der Liebe entflossen. Kiens Glaube, unerschütterlich wie sein Mißtrauen gegen die bücherschänderische Menschheit, erging sich auf einem beliebten Gebiet. Er bedauerte die Schwäche Christi, dieses sonderbaren Verschwenders. Speisung auf Speisung, Heilung auf Heilung, Wort um Wort zog an ihm vorüber, und er bedachte, wieviel Büchern mit diesen Wundern zu helfen gewesen wäre. Er fühlte, daß seine augenblickliche Verfassung der Christi verwandt war. Vieles hätte er in gleicher Weise verübt, nur die Gegenstände der Liebe erschienen ihm als Verirrung, ähnlich jener der Japaner. Da der Philologe in ihm noch lebte, beschloß er, bis ruhigere Zeiten ins Land gekehrt wären, eine von Grund auf neue, textkritische Untersuchung der Evangelien vorzunehmen. Vielleicht handelte es sich Christo in Wahrheit gar nicht um Menschen und eine barbarische Hierarchie hatte die ursprünglichen Worte ihres Stifters verfälscht. Das unerwartete Aufscheinen des Logos im Johannesevangelium gab gerade wegen der gewöhnlichen Deutung, die hier auf griechische Einflüsse verweist, zu Verdächten reichlichen Grund. Er fühlte in sich Gelehrsamkeit genug, um das Christentum auf seinen wahren Ursprung zurückzuführen, und wenn er auch nicht der erste war, der die wirklichen Worte des Heilands in eine Menschheit warf, deren Ohren dafür immer aufnahmebereit sind, so hoffte er doch mit einigem inneren Grund, daß seine Deutung die letzte blieb.

Fischerles Deutung einer drohenden Gefahr dagegen blieb unverstanden. Eine Weile setzte er sein Warnungszwinkern fort, abwechselnd schloß er das rechte und das linke Äug’. Schließlich stürzte er auf Kien zu, packte ihn am Arm, flüsterte »Polizei!«, das schrecklichste Wort, das er kannte, »Laufen Sie! Ich lauf voraus!« und stellte sich, entgegen seinem Versprechen, wieder in die Tür, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Kien warf einen schmerzlichen Blick hinauf, nicht zum Himmel, im Gegenteil, zur Hölle im sechsten Stock. Er gelobte die Rückkehr in dieses heilige Vorland, vielleicht noch heute. Von Herzen verachtete er die schmutzigen Pharisäer, die ihn bedrängten. Als wahrer Heiliger vergaß er auch nicht, bevor er die langen Beine in Bewegung setzte, dem Zwerg für seine Warnung mit einer steifen, aber tiefen Verbeugung zu danken. Für den Fall, daß er seine Pflicht aus Feigheit vergaß, drohte er seiner eigenen Bibliothek mit dem Feuertod. Ausdrücklich stellte es fest, daß seine Feinde sich nicht blicken ließen. Was fürchteten sie? Die moralische Kraft seiner Fürsprache? Er bat für keine Sünder, er bat für unschuldige Bücher. Sollte in der Zwischenzeit einem einzigen von ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werden, so würde man ihn von einer anderen Seite kennen lernen. Er beherrschte auch das Alte Testament und behielt sich die Rache vor. Ach, ihr Teufel, rief er, ihr lauert mir in irgendeinem Hinterhalt auf, ich verlasse erhobenen Hauptes euern Pfuhl! Ich fürchte mich nicht, denn hinter mir stehen ungezählte Millionen. Er wies mit dem Finger in die Höhe.



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