Komplott by Ditfurth Christian von

Komplott by Ditfurth Christian von

Autor:Ditfurth, Christian von [Ditfurth, Christian von]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


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Am nächsten Morgen trafen sich die Mitglieder der

Zentrale, sie saßen an einem ovalen Tisch. Liebknecht leitete die Sitzung. Zacharias setzte sich hinter Rosa Luxemburg und hoffte, nicht des Saales verwiesen zu werden.

Nach der Eröffnung bat Radek um das Wort. Er

richtete pathetisch Grüße von Lenin aus, als würde er jeden Abend mit ihm telefonieren. Dann kündigte er

die Nahrungsmittelhilfe für Deutschland an. Am

Schluss bat er um Verständnis, wenn er eine Meinung

äußere, die die Genossen nicht als Einmischung ver-

stehen dürften. Schließlich sei er schon viele Jahre auch in der deutschen Arbeiterbewegung tätig. In

Russland habe man die Erfahrung gemacht, dass der

Klassenfeind alle Mittel einsetze, um die Sowjetmacht zu unterhöhlen. »Sie schicken bewaffnete Kräfte gegen uns, verbreiten Lügen und Hass in Zeitungen und Bü-

chern, verstecken Lebensmittel, nutzen die Religions-hörigkeit rückständiger Volksgruppen aus, vergiften

Wasser und Nahrung, begehen Morde an Sowjetfunk-

tionären, konspirieren mit Agenturen der internatio-

nalen Bourgeoisie, zerstören Verkehrswege und Lo-

komotiven und anderes mehr. Unsere Antwort darauf

heißt Tscheka, das ist die Außerordentliche Kommissi-on zur Bekämpfung der Konterrevolution. Die Tscheka

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kämpft an allen Fronten, an denen die Rote Armee

nicht kämpfen kann. Sie ist der Revolution treu ergeben und steht unter Leitung von Feliks Dserschinski, den manche hier im Raum als vorbildlichen Genossen

kennengelernt haben.«

Er schaute erst Luxemburg, dann Jogiches an. Der

Blick sagte: Das ist doch euer alter Genosse, der das macht. Warum soll das in Deutschland nicht nötig sein?

»Ich habe mir überlegt, vielleicht den Genossen Dserschinski zu bitten, einmal in Deutschland über seine Erfahrungen zu berichten, sollte er für eine Zeit abkömm-lich sein in Russland.«

»Der Genosse Radek schlägt uns hier nicht weniger

vor, als den roten Terror auszurufen«, warf Rosa ein.

»Ja, und wenn es so ist? Was wäre daran falsch?«

fragte Pieck.

»Falsch ist daran nicht zuletzt, dass der rote Terror sich keineswegs nur gegen den Klassenfeind richtet,

sondern auch gegen Strömungen der russischen Sozial-

demokratie.«

»Die sich auf die Seite des Klassenfeindes gestellt haben«, sagte Radek.

»Das ist doch Unsinn«, widersprach Luxemburg.

»Das mögen Sie gutgläubigen Nachwuchskommunisten

erzählen. Martow und seine Genossen von den Men-

schewiki fordern Meinungsfreiheit für Sozialisten. Was ist daran konterrevolutionär? Anscheinend gilt als richtig nur das, was der Genosse Lenin oder das bolschewistische Zentralkomitee verkündet, alles andere dient per se dem Klassenfeind. Wenn wir in Deutschland so vor-270

gingen, müssten wir die Genossen der USP verhaften

und die Genossen der USP uns.«

Gelächter im Kreis. Auch Radek lachte mit, nicht aber Pieck und Friesland.

»Die Genossin Luxemburg hat recht, man kann die

Lage in Russland nicht mit der Lage in Deutschland

gleichsetzen«, sagte Radek.

Zacharias bewunderte Radeks rhetorischen Kniff.

»Aber es gibt Fragen, vor denen die Arbeiterklasse jedes Landes steht, wenn sie die Macht ergreifen will. Die wichtigste Frage ist, wie man den unausweichlichen

Widerstand des Klassenfeindes bricht.«

»Das ist doch Gequatsche.« Jogiches saß Radek ge-

genüber. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Radek muss uns doch nicht belehren, dass es einen

Klassenfeind gibt. Hier geht es um die Frage, ob wir andere sozialistische Strömungen verfolgen sollen, so, wie es in Russland geschieht. Die linken Menschewiki führen keinen bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht,

bisher jedenfalls nicht. Sie kritisieren die Parteidiktatur, und die kritisieren wir auch. Da sind wir Martow näher als Lenin.«

»Und was ist mit der deutschen Sozialdemokratie,

was ist mit Ebert und Scheidemann?« fragte Radek.



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