Juristen als Experten? by Anette Baumann

Juristen als Experten? by Anette Baumann

Autor:Anette Baumann
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: De Gruyter
veröffentlicht: 2023-08-29T08:29:00.698000+00:00


Gerechtigkeit und vergleichende Kosten-Nutzen-Analyse

Was die erste potenzielle Quelle der Unbilligkeit in Dreifachverträgen betrifft – den Mangel an Gleichheit (aequalitas) –, so entwickelte Lessius eine interessante vergleichende Kosten-Nutzen-Analyse.34 Er wog die Kosten und den Nutzen jedes der Partner ab, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass es kein ungleiches Verhältnis gab. Mit anderen Worten: Der Dreifachvertrag verstieß nicht gegen die Tugend der kommutativen Gerechtigkeit.

Zusammengefasst ist hier eine Liste von Kosten oder Belastungen (onera), die der Investor laut Lessius zu tragen hat. Zunächst einmal setzt er sein Kapital einem Risiko aus. Dies mag für den Investor nicht als Kosten erscheinen, da die Kapitalgarantie eines der wesentlichen Merkmale eines contractus trinus ist. Lessius weist jedoch darauf hin, dass die vom Händler versprochene Versicherung sehr unzuverlässig ist (securitas valde infida) und häufig zum Konkurs des Investors führt. Investoren sind sehr gerne bereit, eine höhere Prämie für eine effektive Versicherung zu zahlen, die durch eine reale Sicherheit wie ein Pfand oder eine Hypothek noch verstärkt wird.

Die zweite Belastung des Investors besteht darin, dass er sich der Vorteile und der Annehmlichkeiten (commoditas), die Bargeld bietet, beraubt. Dies war ein typisches Merkmal von Lessius‘ Analyse des Geldes und des Zinsnehmens.35 Sie stützte sich auf traditionelle scholastische ökonomische Argumente, die bereits von mittelalterlichen franziskanischen Theologen wie Pierre de Jean Olivi (1248 – 1298) entwickelt wurden.36 Bargeld bietet Vorteile, um auf Gelegenheiten zu reagieren, die sich plötzlich auf dem Markt bieten. Der Preis des „Geldmangels“ oder der „Liquiditätspräferenz“ ist als Kosten zu sehen, die der Investor trägt, wenn er sich von seinem Geld trennt.

Drittens kann die Schätzung der zukünftigen Gewinne, die mit dem vorhandenen Geld erzielt werden können, als Teilkosten für den Investor betrachtet werden. Laut Lessius zeigten die tägliche Erfahrung auf dem Markt und die Erklärungen der Händler (quotidiana experientia et mercatorum confessio), dass die Gewinne, die ein geschäftstüchtiger Händler mit liquiden Mitteln erzielen kann, mit Leichtigkeit zehn bis zwölf % erreichen. Es handelt sich dabei buchstäblich um „Opportunitätskosten“, die dem Investor entstehen. Für Lessius war diese Art der Argumentation aus der Erfahrung heraus – aus der Beobachtung der ökonomischen Realität – eine Menge wert.37

Aus Sicht des Händlers ist der Abschluss eines Dreifachvertrages nach Lessius ebenfalls mit drei Kosten bzw. Belastungen verbunden. In erster Linie stellt der Händler seine Arbeit und seinen Fleiß in den Dienst der Partnerschaft. Er wendet seine Arbeitskraft auf, um das Geld der Kapitalanleger gewinnbringend einzusetzen. Laut Lessius sollten diese Kosten nicht überschätzt werden, da der Händler ohnehin seine Arbeitskraft investieren würde, um sein privates Geld gewinnbringend einzusetzen. Vielmehr, so bemerkte Lessius scharfsinnig, profitiere der Händler davon, dass die Investoren ihr Kapital bei ihm eingezahlt haben. Dies ist eine kluge Beobachtung, die auch bei Molina zu finden ist. Für den Händler bedeutet die Verwaltung von mehr Geld und die Zurschaustellung von mehr Reichtum, dass er mehr Vertrauen genießt und seinen Ruf verbessert (auget illorum fidem et facit illustriores). Außerdem kann er zu günstigeren Preisen einkaufen, da er größere Mengen kaufen und bar bezahlen kann. Abschließend war Lessius fast geneigt zu behaupten, dass die Arbeitskosten eigentlich eher ein Nutzen als ein Kostenfaktor sind.



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