Infiziertes Europa by Malte Thießen

Infiziertes Europa by Malte Thießen

Autor:Malte Thießen [Thießen, Malte]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: De Gruyter Oldenbourg (OWV_DGO)
veröffentlicht: 2014-09-03T00:00:00+00:00


IV. Fazit

Öffentliche Darstellungen von Krankheitsängsten und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit ihnen entsprechen einer gestiegenen Aufmerksamkeit für das Gefühl der Angst selbst, seine positiven wie negativen Konsequenzen. Die anfangs zitierte Studie „Ängste der Deutschen“ gibt davon ebenso Zeugnis wie die zahlreichen Schriften gegenwärtiger Soziologen, Kulturwissenschaftler und Philosophen, die die Frage nach einer postmodernen Kultur der Angst aufwerfen.520 In dieser Konjunktur fließen die unterschiedlich geprägten und mit einer spezifischen Geschichte versehenen Ängste vor Grippe auf der einen Seite und Krebs auf der anderen zusammen zu einer Angst um einen von außen und innen bedrohten Körper.

Insofern ergänzen sich in diesem Beitrag zwei unterschiedliche methodische Vorgehensweisen: das Konzept der moral panic und das der Gefühlsgeschichte. Gleichzeitig wurden aber auch grundsätzliche Unterschiede beider Ansätze deutlich: Während die Frage nach einer moral panic die Gefühle an sich nicht genauer analysiert, sondern in erster Linie nach Konjunkturen von Angst und Panik, ihren gesellschaftlichen Folgen und nach den beteiligten Akteuren fragt, blickt die Gefühlsgeschichte hinter die „Fassade“ von Angst und Panik. Sie kann erklären, welche Bedeutung Gefühle wie Angst und Panik in gesellschaftlichen Debatten wie jenen um die Krebserkrankung gewannen, in welcher Form sie bestimmte Praktiken wie das Arzt-Patientengespräch oder das Schreiben von Selbsterfahrungsliteratur prägten und wie sich diese Gefühle schließlich einfügten in ein emotionales Regime, das nicht nur Ängste vor Krankheiten, sondern weitere gesellschaftliche Bereiche, ja den zeitgenössischen Umgang mit Gefühlen im Allgemeinen betraf. Obgleich die Geschichte der Grippe in diesem Beitrag aus pragmatischen Gründen als Geschichte einer moral panic, die Geschichte von Krebserkrankungen dagegen als Gefühlsgeschichte untersucht worden ist – ging es doch um eine Profilierung zweier unterschiedlicher Zugriffe –, wäre für zukünftige Forschungen eine Kombination beider Ansätze lohnenswert. Gerade bei Untersuchungen des gesellschaftlichen Umgangs mit Pandemien und Epidemien kann die Verbindung beider Zugriffe zeigen, dass Angst und Panik sowohl das Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen Akteuren, als auch Ausdruck individueller Ängste und Erfahrungen waren, die sich im Laufe der Zeit veränderten. Anders gesagt lässt sich Seuchengeschichte also in Gestalt sehr verschiedener Geschichten erzählen.



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