Flammenmeer by Benjamin Cors

Flammenmeer by Benjamin Cors

Autor:Benjamin Cors [Cors, Benjamin]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783423441339
Herausgeber: dtv


Alexandre Guerlain war niemand, den man einfach anrufen konnte, um ein bisschen zu plaudern. Oder um zu fragen, wie es ihm gehe, nach einem überstandenen Herzinfarkt im vergangenen Jahr, mit dem er und sein Körper noch immer zu kämpfen hatten.

Genau genommen rief kaum jemand Alexandre Guerlain überhaupt an. Wenn, war er es, der anrief, dann aber niemals, um nach dem Befinden zu fragen, sondern, um Probleme zu lösen – oder um welche zu machen.

Nicolas konnte seinen Vater vor sich sehen, in seiner weitläufigen Wohnung im 1. Arrondissement von Paris. In einem Sessel, umgeben von mehreren Tageszeitungen, von Dossiers und Unterlagen, die er studierte, auch jetzt noch, wo seine aktive Zeit lang vorbei war. Vermutlich hatte er die Jalousien heruntergelassen, auf einem Beistelltisch eine unberührte Kanne schwarzen Tees, dessen Duft ausreichte, um Alexandre Guerlain wach zu halten, auch in tiefster Nacht. Der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes war aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt geschieden, und doch saß er dort und hatte weiterhin alles im Blick. Nicolas’ Vater war ein Meister dessen, was er einmal selbst »Das Spiel« genannt hatte. Wie ein brillanter Schachmeister arrangierte er die Figuren, schob sie hin und her. Und er gewann immer.

Fast immer.

Bei Julie hatte er verloren, eine Niederlage, die noch immer an ihm nagte. Er hatte sie benutzt, ihre scheinbar ausweglose Lage für seine Zwecke missbraucht. Und Nicolas, seinen eigenen Sohn, hintergangen. Für die Interessen des Landes.

Für das Spiel.

Sein Vater atmete etwas schwerer, etwas unruhiger als sonst.

»Wie geht es dir, Vater?«

»Es geht mir gut. Warum rufst du an?«

Die Stimme schneidend, der Ton unversöhnlich. So vieles stand zwischen ihnen, so viel Betrug auf beiden Seiten. In den vergangenen Jahren hatten sich ihre Wege mehrfach gekreuzt, und doch hatten sie nie wirklich miteinander gesprochen. Und so würde es bleiben, und für Nicolas gab es keinen Grund, etwas daran zu ändern. Julie war aus den Schatten zurückgekehrt, das war das Einzige, was zählte. Und sein Vater wusste das.

»Ich soll dir Grüße ausrichten. Von jemandem, der nichts Gutes vorhat. Von einem Mann, der die Macht hat, eine ganze Region zu kontrollieren. Einfach nur, indem er auf einem Stein sitzt und hinaus aufs Meer blickt.«

Nicolas hörte das Rascheln einer Zeitung, die vermutlich auf dem Tisch abgelegt wurde. Der Sessel knarzte, sein Vater lehnte sich zurück.

Nicolas hatte den Namen nicht einmal sagen müssen. Guy Moreau. Der alte Mann am Meer. Schmuggler am Ende der Welt. Moreau, der Angst hatte, eine dunkle, verzweifelte Angst.

Nicolas wollte wissen, wovor. Und sein Vater konnte ihm vielleicht helfen.

Alexandre Guerlain brauchte nicht lange. Er war in Gedanken blitzschnell seine Kontakte durchgegangen, seine Erinnerungen hatten sich sofort festgehakt an diesem Mann.

»Ich verstehe.«

Nur das. Zwei Wörter. Keine Nachfrage, keine Verwunderung, alles war gut sortiert. Alexandre Guerlain saß in seinem Gedankenpalast und öffnete behutsam alte Schubladen, in denen der Staub lag und die Erinnerungen, die niemals verblassten.

»Du bist also in Barfleur. Ein schöner Ort, zumindest war er das mal. Jetzt haben sie keine Muscheln mehr, ein hartes Los für die Fischer.«

Immer noch keine Frage zu Moreau, stattdessen ein Ablenkungsmanöver. Nicolas’ Vater interessierte sich nicht für Barfleur, auch nicht für die fehlenden Muscheln.



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