Der Stammgast by Simenon Georges

Der Stammgast by Simenon Georges

Autor:Simenon, Georges [Georges, Simenon]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 2014-03-06T16:00:00+00:00


7

Jonsac saß an seinem gewohnten Platz am Fenster. Mittags hatte Avrenos einen anderen Kundenkreis abends. Es waren lauter Stammgäste, die zu einer bestimmten Zeit kamen, schweigend, meist Zeitung lesend ihre Mahlzeit einnahmen und nach einem schüchternen Gruß in die Runde wieder zur Arbeit gingen.

Der Tag war besonders heiß. Das Pflaster des Gäßchens gleißte, es mußte glühend sein. Vor einigen Tagen war die Botschaft, wie jeden Sommer, aus den Räumen von Stambul an den Bosporus umgezogen.

»Sie liebt an dir das genaue Gegenteil von dem, was ich an dir liebe«, hatte Nouchi am Morgen gesagt.

Während Jonsac ins Leere blickend seinen Fisch verzehrte, mußte er unablässig an diesen Satz denken. Nouchi saß zur Stunde wahrscheinlich ebenfalls irgendwo beim Essen, mit Amar Paşa oder Stolberg, vielleicht auch mit Müfti Bey zusammen. Es war zu einer Gewohnheit geworden. Jonsac ging gegen elf Uhr aus dem Haus, machte seine Aufwartung in der Botschaft, aß dann irgendwo allein, und es kam vor, daß er seine Frau erst um Mitternacht wiedersah.

Andere Male hinterlegte sie in der Bar des ›Pera Palas‹, die einer ihrer Treffpunkte war, eine Nachricht oder ließ ihm ausrichten, wo sie abends sein würde.

Außer Tevfik Bey, der halbtags bei der Zeitung arbeitete, taten ihre Freunde nichts, sie telefonierten von früh bis spät miteinander, verabredeten sich und promenierten stundenlang in der Grande Rue von Pera.

»Nouchi ist heute abend in der Oper. Sie bittet dich, nach dem zweiten Akt in die Loge von Amar Paşa zu kommen«, teilte man Jonsac mit.

Sie sprachen inzwischen von Nouchi als einer der Ihren. Sie hatten sie in ihren Kreis aufgenommen.

›Sie liebt an dir das genaue Gegenteil von dem, was ich an dir liebe …‹

Wahrscheinlich stimmte das. Mit Sicherheit stimmte, was Nouchi danach gesagt hatte:

»Sie sieht in dir den starken Mann, verstehst du? Dein Monokel, deine Steifheit, deine scheinbare Unerschütterlichkeit beeindrucken sie. Sie glaubt, du seiest jemand, auf den man sich als Frau stützen kann.«

Nouchi sagte es ohne Bosheit, sogar mit ihrem zärtlichen Lächeln.

»Ich möchte sogar wetten, daß sie dich auch ein wenig meinetwegen liebt! Sie sieht uns kommen und gehen, ein bewegtes Leben führen, im Auto herumfahren und ganze Nächte lang Feste feiern, und sie ist überzeugt, daß du die treibende Kraft bei diesem Leben bist. Wie soll ich es sagen? Für sie bin ich dein Werk, etwas, was du hervorgebracht hast …«

Sie hatte dies vor einer knappen Stunde gesagt, auf ihrem Bett sitzend und die Zehennägel polierend.

»Ich sehe nur nicht ein, warum du dann mit mir zusammenlebst!« hatte Jonsac beleidigt geantwortet, ohne seine Rasur zu unterbrechen.

»Weil du so bist, wie du bist! Ein schüchterner und sentimentaler großer Junge, der vor allem Angst hat.«

Er war grußlos gegangen. Doch er mußte ihr recht geben. Zum Beispiel: Als er sich das Monokel zugelegt hatte, war er Sekretär eines Abgeordneten gewesen, der berüchtigt war wegen seiner Ausbrüche am Rednerpult und seiner Brutalität im Privatleben. Jonsac arbeitete ohne Bezahlung. Er tat es, um sich mit der Politik vertraut zu machen. Doch er lebte in ständiger Angst vor seinem Chef, dessen Büro er nicht zu betreten wagte, wenn er wußte, daß er wütend war.



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