Das Leben ist gut by Alex Capus

Das Leben ist gut by Alex Capus

Autor:Alex Capus
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Carl Hanser Verlag
veröffentlicht: 2016-06-07T16:00:00+00:00


WENN ICH TAGSÜBER IN DER BAR allein bin, gerate ich oft in Versuchung, größere bauliche Veränderungen anzuzetteln, deren Vollendung bis zur Türöffnung um siebzehn Uhr nicht zu schaffen ist. Ich darf das, die Bar gehört mir. Einmal habe ich nach dem Mittagessen aus einem Impuls heraus die unansehnlich gewordene Kunstholzbeschichtung des Tresens mit schwarzer Lackfarbe bemalt; am Abend hatte ich dann alle Hände voll zu tun, die Gäste vom Tresen fernzuhalten, weil die Farbe in der kurzen Zeit nicht hatte trocknen können. Ein anderes Mal habe ich frühmorgens den Linoleumboden in einer Ecke ein klein wenig angehoben, weil ich vermutete, dass darunter ein altes Parkett liegen musste. Es ist mir immer ein großes Vergnügen, die zahlreichen Schichten an Hässlichkeit abzutragen, die sich im Lauf der Jahrzehnte über das Haus gelegt haben; Laminat über Spannteppich, Inlight über Linoleum, Raufasertapeten auf Sperrholzplatten, Täfelung über Styropor und Weichpavatex. Besonders groß ist das Glück, wenn zuletzt die Schönheit eines gut erhaltenen Parketts, einer stuckverzierten Gipsdecke oder einer seidenglatten Weißputzwand zum Vorschein kommt. Weil nun unter dem bröseligen Linoleum tatsächlich ein prächtiges Fischgrätparkett aus dunkler amerikanischer Eiche lag, riss ich ein größeres Stück Linoleum heraus, und dann noch eins und noch eins, und als ich so viel Schaden angerichtet hatte, dass es kein Zurück mehr gab, trug ich alles Mobiliar nach hinten in den Saal und bestellte eine Transportmulde für den Abfall. Es dauerte bis kurz vor Mitternacht, bis ich das gesamte Eichenparkett freigelegt hatte. An jenem Abend gab es keine Sitzgelegenheiten in der Bar, nur Stehplätze am Tresen; dafür durften mir die Gäste bei der Arbeit zuschauen. Und Witze reißen. Und Ratschläge erteilen.

Heute ziehe ich in Erwägung, in der Herrentoilette die unangenehm niedrig hängende Weichpavatex-Decke herunterzunehmen. Ich vermute, dass darüber eine ehrliche Kellerdecke aus eisenarmiertem Beton zum Vorschein kommt; auf Jules Webers guten Geschmack ist bisher immer Verlass gewesen. Ich gehe ins Untergeschoss und schaue mir die Decke an, zähle die elektrischen Leitungen, die es zu verlegen gilt, und versuche, unangenehme Überraschungen zu erahnen; irgendeinen Grund werden meine spanischen Vorgänger schon gehabt haben, dass sie den Weichpavatex montierten. Und selbst wenn die Überraschungen wider Erwarten ausblieben, wäre die Arbeit in einem Tag nicht zu schaffen; man müsste noch Bohrlöcher zuspachteln, Lampen neu montieren, Staub und Spinnweben wegkehren und die Betondecke neu weißeln, womöglich vorher noch alte Kalkfarbe herunterwaschen. Die Vernunft siegt, ich verschiebe das Projekt.

Pünktlich um siebzehn Uhr stoße ich das Rollgitter hoch, Büroleute und Dozenten von der Fachhochschule kommen zum Aperitif. Zwei Verliebte verdrücken sich mit komplizierten Drinks in jene einsame Ecke, in der die Verliebten immer sitzen. Zwei junge Frauen bestellen Früchtetee und setzen sich an den Zweiertisch im Schaufenster, wo sie für sich allein, aber doch gut sichtbar sind und alles im Blick haben. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, werden sie über Stunden bei ihrem einen Tee dort sitzen und ohne Punkt und Komma aufeinander einreden, und dabei werden sie die leeren Zuckerbeutel und sämtliche Bierdeckel zerfetzen und einander flüchtig, aber ausdauernd die Arme streicheln.

Zwei betrunkene Kunstmaler kommen herein, der eine mit



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