Ausgesoffen – Mein Weg aus der Sucht by Bernd Thränhardt

Ausgesoffen – Mein Weg aus der Sucht by Bernd Thränhardt

Autor:Bernd Thränhardt
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Ullstein Buchverlage
veröffentlicht: 2013-02-04T00:00:00+00:00


Abgesoffen

Der Tag, an dem mein bisheriges Leben enden wird, beginnt mit Blut. Als ich die Augen öffne, ist es überall. Blut auf meinem Bettzeug, auf meiner Haut und meiner Kleidung. Blut auch auf dem Dielenboden. Es zieht eine Spur vom Wohnzimmer durch den Flur in mein Schlafzimmer. Meine Wohnung gleicht einem Schlachtfeld, der Flur von blutigen Scherben übersät, die Scheibe in der Zwischentür zerschlagen.

Meine Augenlider sind bleischwer, meine Zunge ist pelzig, der Geschmack in meinem Mund lässt mich würgen. Mein Schädel dröhnt, als stünde ich während des Mittagsläutens im Glockenturm des Kölner Doms, mein Denken ist rettungslos versunken in einem zähen Brei aus Wodka, Kokain und Valium. Ich habe keine Erinnerung daran, was in der letzten Nacht geschehen ist. Woher die Platzwunde über meinem Auge stammt, die Schnittwunden an Armen und Oberkörper stammen, die blauen Flecke. Wie lange ich komatös in meinem eigenen Blut gelegen habe.

Der Schock lässt mich am ganzen Körper zittern. Im Wohnzimmer kratze ich die Koksreste der vergangenen Nacht von meinem Glastisch, klaube eine Valium aus meiner Hosentasche und spüle mit Wodka nach. Mit gierigen Schlucken trinke ich gegen die aufkommende Panik an. Vergessen erscheint mir verlockender als Erinnern.

Seit einiger Zeit haben die Tage und Wochen kaum mehr unterscheidbare Konturen. Sie hinterlassen keine Spuren, verschwimmen im Rausch und im Schmerz. Jeden Morgen schleppe ich mich nach dem Wachwerden zum nahegelegenen Kiosk, kaufe zwei kleine Flaschen Cognac und eine Flasche Multivitaminsaft. Den ersten Cognac stürze ich in einem Zug hinunter, oft schon im Kiosk. Warten erscheint mir unerträglich. Dann ein Glas Multivitaminsaft, etwas Gesundes, sage ich mir. Dann die zweite Flasche Cognac. Sicher, eine große Flasche zu kaufen wäre günstiger. Aber ich bin der Überzeugung, so könne ich mir den Alkohol besser einteilen. Es gelingt mir nie. Trotzdem versuche ich es jeden Morgen aufs Neue.

Der Cognac hält bis in die frühen Nachmittagsstunden vor. Dann lege ich nach, mit einer Flasche Campari komme ich über den Tag. Am Abend zur Tankstelle, ich brauche Nachschub, kaufe eine Flasche Wodka. Ein Glas gieße ich mir ein, gemischt mit süßer Limonade, so ist es erträglich. Ohne die Limonade würde mein Magen rebellieren. Nur ein Glas, sage ich mir und stelle die Wodkaflasche ­zurück in den Kühlschrank. Nur noch dieses eine, dann ist Schluss, sage ich mir beim zweiten. Am nächsten Morgen steht die Flasche meist leer auf dem Wohnzimmertisch.

Wenn das Geld reicht, kaufe ich Kokain dazu. Ich schlafe schlecht. Gegen die Schlaflosigkeit und die Angst­attacken, ausgelöst vom Kokain, schlucke ich Valium. Eine fatale Mixtur, die zuverlässig mein Hirn zersetzt und die Verbindung zu meinen Gliedmaßen kappt. Häufig ist die Erinnerung an die vorherige Nacht nach dem Aufwachen bruchstückhaft, verschwimmt spätestens nach dem zweiten Wodka.

Mein Essen kaufe ich zusammen mit dem Alkohol am Kiosk oder an der Tankstelle. Meist sind es Dosensuppen. An manchen Tagen kann ich nicht mal die bei mir behalten. Einige Wochen zuvor musste ich den Notarzt rufen, über Tage hatte ich jegliche Nahrung erbrochen. Beinahe unmöglich, danach den Wodka hinunterzuzwingen, aber mir blieb keine Wahl. Eine Paspertin-Spritze linderte den Brechreiz, danach blieben die Hühnersuppe und vor allem der Alkohol im Magen.



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