Abendland by Michael Köhlmeier

Abendland by Michael Köhlmeier

Autor:Michael Köhlmeier
Die sprache: deu
Format: mobi
veröffentlicht: 2011-12-31T23:00:00+00:00


8

Näheres wußte niemand. Der Sportreporter sagte, David habe sich mit ihm über die große Zeit des Carl Lewis unterhalten. Der Engländer sagte, er habe sich mit ihm über den Islam unterhalten. Sonst hatte keiner mit ihm gesprochen. Ich gab den Leuten die Hand, einem nach dem anderen. Evelyn sagte, sie verstehe nicht, daß auch ich gehen müsse. Ich müsse, sagte ich, ich würde sie morgen anrufen.

Davids Rucksack stand noch in meiner Bibliothek. Ich hatte ihm, als er sich entschloß, über die Feiertage zu bleiben, einen Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben. Es war kurz nach Mitternacht. Ich war nicht übermäßig beunruhigt. Ich setzte mich in den Fauteuil und wartete.

Gegen halb eins klingelte das Telefon. Ich sah auf dem Display, daß es Dagmar war. Ich ließ es klingeln. Ich hörte meine Stimme auf dem Anrufbeantworter und dann Dagmars Stimme. Sie hoffe, uns gehe es gut. Sie probiere es vielleicht später noch einmal. Oder morgen. Sie klang künstlich heiter. Ich ließ mir einen Kaffee aus der Espressomaschine und marschierte durch die Wohnung.

Ich fuhr mit dem Lift nach unten und trat auf die Wienzeile. Es herrschte kaum noch Verkehr. Über den Platz vor der Markthalle schlenderte eng umschlungen ein junges Paar, er barbieblond gefärbt; auf der Dachrinne hockten die Tauben und schliefen; in den Naschmarkt hinein schob ein junger Mann sein Fahrrad, er hatte die Kapuze seines Pullovers übergezogen und pfiff ein Lied.

Ich fuhr mit dem Lift nach oben. An der Tür hörte ich das Telefon klingeln. Es war wieder Dagmar. Sie wartete diesmal nicht ab, bis der Anrufbeantworter einsetzte, sondern legte vorher auf. Ich trank noch einen Kaffee. Nur, um etwas zu tun. Wieder klingelte das Telefon, diesmal sprach Dagmar erneut aufs Band. Was los sei. Ob sie sich Sorgen machen müsse. Ich solle sie doch bitte anrufen. Egal wann. Sie lege das Handy neben ihr Bett. Sie habe mir schon drei Nachrichten auf meinem Handy hinterlassen. Ich wisse doch ganz genau, daß sie warte. – Ich hatte sie ausdrücklich gebeten, nicht auf den Anrufbeantworter beim Festnetz zu sprechen, es könnte ja sein, daß David zufällig mithört oder daß er in Versuchung kommt und ihre Mitteilungen abhört, wenn er allein in der Wohnung ist. Sie war empört gewesen. David sei weder einer, der die Briefe anderer Leute lese, noch einer, der die Anrufbeantworter anderer Leute abhöre. Nach zwei Minuten klingelte es wieder. Als meine Stimme einsetzte, legte sie auf. So ging es durch die nächste Dreiviertelstunde. Ich löschte das Licht und setzte mich in die Bibliothek.

Um zwei hörte ich, wie er den Schlüssel im Schloß umdrehte. Ich hörte, wie die Tür vorsichtig geöffnet und vorsichtig geschlossen wurde. Ich hörte, wie er seine Jacke an die Garderobe hängte und sich die Schuhe auszog. Ich wollte ihn nicht erschrecken und schaltete das Licht ein.

»Gott sei Dank«, sagte ich.

»Ich geh’ gleich rauf«, murmelte er. »Ich bin müde.«

»Du hättest mir etwas sagen können oder jemand anderem. Daß du gehst. Ich versteh’ ja, daß die Party langweilig für dich war. Ich war verrückt vor Sorge.«

»Komisch«, sagte er.

»Setz dich noch eine Viertelstunde zu mir.



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