Wahnsinn Amerika: Innenansichten einer Weltmacht (German Edition) by Scherer Klaus

Wahnsinn Amerika: Innenansichten einer Weltmacht (German Edition) by Scherer Klaus

Autor:Scherer, Klaus [Scherer, Klaus]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783492958707
Herausgeber: Piper (com)
veröffentlicht: 2012-07-15T22:00:00+00:00


Billige Leben

Er selbst sieht jung aus in der Szene, die Helmkante gleich über den Augenbrauen, eingepackt in volle Montur. »Jeder hat solche Erinnerungsfotos«, sagt er. »Wenn du im Krieg bist, ist das normal.«

Das grausigste in seiner Sammlung zeigt die verkohlte Leiche eines Autofahrers, den die Wucht von Geschossen mitsamt dem Sitz niedergestreckt hat. Die Umrisse des Schädels sind noch zu erkennen, die Öffnungen, wo Minuten zuvor noch ein Gesicht mit Augen und Mund gewesen war. »Er kippte von den 50-Kaliber-Maschinengewehrsalven unserer Soldaten nach hinten«, erklärt mir Kokesh. »Nur ein paar Marines, die aus der Distanz den Eindruck hatten, dass der Wagen zu schnell fahre. Dabei war ihr Checkpoint kaum erkennbar.«

Das Leben sei sehr billig im Krieg, bilanziert er. Wer in Falludscha habe nachweisen können, dass ein Angehöriger grundlos durch US-Soldaten umgekommen sei, habe 2500 Dollar Entschädigung erhalten, an anderen Orten waren es nur 1000 Dollar. »Auch das verbitterte viele irakische Familien, denn meine Mutter hätte nach meinem Tod 400 000 Dollar bekommen«, sagt er. »Das ist ein Riesenunterschied zwischen dem Wert eines irakischen und eines amerikanischen Lebens, den die Soldaten verinnerlichen, ohne darüber nachzudenken. Es ist einfach ihre Wirklichkeit. Und zugleich wird auf der anderen Seite auch dein eigenes Leben billig, weil du weißt, dass es jeden Tag zu Ende sein kann. Das macht dich fatalistisch. Auch das wird im Krieg normal. Und verglichen mit manchen anderen Vorfällen, die ich dort gesehen habe, sind diese paar Fotos ein Nichts.«

Ein weiterer Exsoldat, der sich zu Wort meldet, heißt Steve, gerade 22 Jahre alt. Wie andere Heimkehrer in ihren Aufzeichnungen beklagt er, dass die offiziellen Opferzahlen geschönt seien. Oft sei auch ihm und seiner Einheit befohlen worden, Sperrfeuer gegen vermutete feindliche Schützen zu eröffnen. In Wohngebieten führe das immer wieder zu Massakern an der Bevölkerung, mit Hunderten von Toten, die dann durchweg als Aufständische gezählt würden. »Der Befehl lautete stets, dass nur wir auf der Straße sein dürften, dafür sollten wir sorgen«, sagt er. Sein Nebenmann auf dem Podium bestätigt das – und zitiert eine Anordnung, die sein Befehlshaber ausgegeben habe, nachdem ihm ein Verdächtiger per Taxi entwischt sei. »Unser Leutnant gab dann per Funk an die Soldaten durch, alle Taxen der Stadt in Brand zu schießen. Manche fragten zurück, ob er das ernst meine. Doch dann feuerten unsere Heckenschützen los.«

Tatsächlich werden nur wenige Übergriffe geahndet. Darunter sind die Mordtaten eines selbst ernannten »Kill Teams« in Afghanistan, das wahllos Einheimische hingerichtet und sich mit Leichenteilen als Trophäen dekoriert hat. Der erschütternde Videomitschnitt eines Hubschraubereinsatzes im Irak dagegen, der zeigt, wie der Bordschütze Unschuldige niedermäht, johlend, als folge er einem Computerspiel, bleibt für ihn folgenlos. Stattdessen wird der junge Gefreite, dem weitere Datenlecks angelastet werden, über Jahre in Haft gehalten, bis sein Militärprozess beginnt – wegen »Unterstützung des Feindes«.

Verfassungsrechtler, die mit Obama einst die Uni besuchten, äußern deswegen ihren Unmut. Selbst der Sprecher des Außenministeriums kritisiert die Haftbedingungen – und verzichtet danach lieber auf seinen Job, als etwas zurückzunehmen. Doch Obama greift nicht ein. Er fürchtet, dass ihn die Opposition mit Erfolg als Sicherheitsrisiko brandmarkt.



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