Raumpatrouille. Geschichten by Matthias Brandt

Raumpatrouille. Geschichten by Matthias Brandt

Autor:Matthias Brandt
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783462316384
Herausgeber: Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG


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Kein Laut

Die Nachricht sprach sich in der großen Pause sofort herum.

Ansgar hatte endgültig verschissen.

Sein Vater war ohne anzuklopfen in den Unterricht marschiert und hatte ihn am linken Ohr aus der Klasse herausgezerrt, über den Schulhof und dann durch die Straßen bis zu ihnen nach Hause, wo die Vertriebenen wohnten, wie ich mal gehört hatte. Den ganzen Weg über, erzählten sie mir, hatte er die Augen niedergeschlagen und keinen Laut von sich gegeben, seine Scham wegen der Bloßstellung schien noch größer zu sein als die Angst vor der bevorstehenden Züchtigung.

Er sah anders aus als wir, Haarschnitt und Kleidung so, als sei er einem Jugendfoto unserer Eltern entsprungen. Weitaus interessanter und anziehender als sein Äußeres war an ihm aber, dass man ihn verprügeln konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass er sich wehrte. Was er niemals tat, obwohl er älter und eine Klasse über uns war. Normalerweise ging man als Drittklässler denen aus der Vierten eher aus dem Weg und achtete darauf, nicht anzuecken, man fing sich schnell eine. Deutete man jedoch Ansgar gegenüber einen Schlag auch nur an, kauerte er sich blitzschnell zu Boden, schlang die Arme um den Kopf und bettelte stotternd: »B-b-bitte nicht!« Es war ein Reflex, er konnte nicht anders. Man konnte das beliebig oft wiederholen. Selbst, wenn ich gewollt hätte: Ansi zu schonen hätte bedeutet, meine Stellung in der Gruppe aufs Spiel zu setzen. Es war die Aura des Weichlings, die ihn umgab, am Ende steckte man sich damit noch an.

Den größten Außenseiter mit zu quälen, war die einfachste Art, zu sein wie die anderen, und das war mein brennendster Wunsch.

Natürlich tat Ansgar mir leid. Stärker war aber meine Erleichterung, dass es ihn traf und nicht mich. Ungeachtet der Torturen, die er zu erdulden hatte, trotz seiner offensichtlichen Verzweiflung schien er den ihm zugewiesenen Platz nicht infrage zu stellen. Immer wenn der Lehrer, der die Pausenaufsicht hatte, nicht herschaute, gingen wir zu Ansgar und demütigten ihn. Er war fast einen Kopf größer als die meisten von uns, spindeldürr, hatte eine riesige Nase, auf dem Kopf trug er einen Lockenwust, der an den Seiten mit der Maschine gekürzt worden war, sodass er ein wenig den frisierten Pudeln aus der Nachbarschaft ähnelte.

Seine Bewegungen waren vogelartig, der Kopf schnellte hin und her, immer des nächsten Angriffs gewahr. Er trug Lederhosen, im Sommer kurz, im Winter knielang. Außerdem karierte Hemden mit abgestoßenem Kragen, die so aussahen, als ob es die abgelegten seiner großen Brüder waren. Es gab nichts Modisches an seiner Kleidung. Was er trug, sollte weder schützen noch schmücken, sondern es schien, als sei die wesentliche Bestimmung dieser Sachen, unbequem zu sein. So stand er inmitten des Geklingels unserer Jinglers-Jeans-Glöckchen, Anfang der Siebzigerjahre.

Im Winter trug Ansgar keinen Parka oder Anorak wie wir, sondern einen Lodenumhang, den er in der Schule einmal unvorsichtigerweise, einen bei ihm zu Hause offenbar gebräuchlichen Ausdruck verwendend, »Kotze« genannt hatte. Was daraufhin los war, kann man sich vorstellen:

»Na Ansi, heute wieder angekotzt?«

»Hast du eigentlich auch ’ne Trainingskotze, Ansi?«

Oder auch gesungen, wenn wir alle miteinander zu Sankt Martin



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