Gefährliche Geliebte by Murakami Haruki

Gefährliche Geliebte by Murakami Haruki

Autor:Murakami, Haruki [Murakami, Haruki]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 3-442-72795-2
Herausgeber: Dumont Verlag
veröffentlicht: 2013-03-17T16:00:00+00:00


10

Der Fluß floß rasch an Klippen vorbei, bildete hier und da kleine Wasserfälle, kam an tiefen Stellen fast zum Stillstand. In diesen Becken spiegelte sich die matte Sonne. Stromabwärts überspannte eine alte eiserne Brücke den Fluß; sie war so schmal, daß gerade eben ein Auto sie passieren konnte. Ihr geschwärztes, fühlloses Metallgerippe versank tief in der frostigen Februarstille. Die einzigen, die über die Brücke gingen, waren die Gäste und Angestellten des Hotels und die Waldarbeiter. Als wir sie überquerten, kam uns niemand entgegen, und als wir zurückblickten, sahen wir niemanden hinter uns. Im Hotel angekommen, hatten wir eine Kleinigkeit gegessen, dann hatten wir die Brücke überquert und waren am Fluß entlanggegangen. Shimamoto trug eine dicke Seemannsjacke mit hochgeklapptem Kragen; ihren Schal hatte sie so um den Kopf gewickelt, daß nur noch ihre Nase hervorlugte. Sie war sportlich gekleidet, gerade richtig für eine Bergwanderung, völlig anders als sonst. Ihre Haare waren hinten zusammengebunden, und ihre Füße steckten in festen Schnürstiefeln. Über der Schulter trug sie eine grüne Nylontasche. In dieser Aufmachung sah sie wie ein Schulmädchen aus. Auf beiden Seiten des Flusses lag stellenweise noch verharschter Schnee. Zwei Krähen hockten auf dem Brückengeländer; starrten auf den Fluß hinunter und stießen gelegentlich ärgerliche Krächzlaute aus. Diese schrillen Rufe hallten von einem Flußufer zum anderen in den laubgepolsterten Wäldern wider und gellten uns unangenehm in den Ohren.

Ein schmaler, unbefestigter Weg verlief entlang des Flusses, ein entsetzlich stiller, verlassener Weg, der Gott weiß wohin führen mochte. Kein Haus war an diesem Weg zu sehen, nur gelegentlich ein kahles Feld. Schneebedeckte Furchen zogen leuchtend weiße Linien über das öde Land. Überall Krähen. Wenn wir an ihnen vorbeikamen, stießen sie kurze, scharfe Krächzlaute aus, wie um ihren Genossen anzukündigen, daß wir uns näherten. Sie hielten die Stellung, machten keine Anstalten aufzufliegen. Ich konnte ihre spitzen, dolchartigen Schnäbel und blanken Krallen aus nächster Nähe sehen.

»Haben wir noch Zeit?« fragte Shimamoto. »Können wir noch ein Stückchen weitergehen?«

Ich sah auf meine Uhr. »Kein Problem. Wir können noch eine Stunde bleiben.«

»Es ist so still«, sagte sie und blickte sich langsam um. Jedesmal, wenn sie den Mund öffnete, stieß sie ein dichtes weißes Atemwölkchen aus.

»Ist das der Fluß, den du dir vorgestellt hast?«

Sie lächelte mir zu. »Als hättest du meine Gedanken gelesen.« Und sie griff mit ihrer behandschuhten Hand nach meiner, die ebenfalls in einem Handschuh steckte.

»Da bin ich aber froh«, sagte ich. »Wenn du nun nach der weiten Reise gesagt hättest, das sei nicht die richtige Stelle, was hätten wir dann getan?«

»Du, ein bißchen mehr Selbstvertrauen! So ein Fehler würde dir nie passieren«, sagte sie. »Aber weißt du, so zu gehen, nur du und ich, das erinnert mich an die alten Zeiten. Als wir nach der Schule immer zusammen heimgingen.«

»Nur dein Bein ist nicht mehr so wie früher.«

»Klingt ja fast, als würdest du's bedauern.« Sie grinste mich an.

Ich lachte. »Schon möglich.«

»Wirklich?«

»Das war nur ein Scherz. Ich bin sehr froh darüber, daß dein Bein besser geworden ist. Nur ein Anfall von Nostalgie, nehme ich an.«

»Hajime«, sagte sie, »ich hoffe, du weißt, wie unendlich dankbar ich dir dafür bin, daß du das hier tust.



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