Die Geschichten von der Geschichte von den Pinguinen by Christine Nöstlinger

Die Geschichten von der Geschichte von den Pinguinen by Christine Nöstlinger

Autor:Christine Nöstlinger [Nöstlinger, Christine]
Die sprache: deu
Format: azw3, mobi, epub
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


Emanuel und die Schule

Emanuel ist ein mittelmäßiger Schüler. Er ist nicht besonders eifrig, und er ist nicht besonders faul. Manchmal sitzt er in der Schule und döst vor sich hin und läßt die Lehrerin den Unterschied zwischen »ss« und »ß« erklären und denkt an seinen Pinguin. Manchmal zeigt er aber auch freiwillig auf und sagt dann etwas Kluges.

Mit seinen Mitschülern verträgt er sich gut, und richtige, echte Schulfreunde hat er nur deswegen nicht, weil er sehr weit weg von der Schule wohnt. Er muß neun Stationen mit dem Autobus fahren, um zur Schule zu kommen. Alle anderen Kinder wohnen gleich neben der Schule. Freundschaften halten so große Entfernungen nicht aus. Freunde muß man zur Hand haben.

Mit der Lehrerin kommt Emanuel nicht sonderlich gut zurecht. Er mag sie nicht. Sie ist so dick und weich, und alles wackelt und zittert unter dem Kleiderstoff. Das ist Emanuel unheimlich. Seine Großtante Alexa hat zwar auch einen sehr großen Bauch, aber der zittert und wackelt nicht. Der ist in ein festes Gummimieder hineingepreßt und hart wie ein Holzbauch. Und die Lehrerin hat einen Blick, den Emanuel nicht leiden kann. Sie hat Augen, die wie Teddybären-Glasaugen aussehen. Emanuel ist immer froh, wenn die Glocke die Schule ausläutet und er die Lehrerin nicht mehr anschauen muß.

Aber eines Tages — um genau zu sein, eines Donnerstages — , als Emanuel in die Klasse hineinkommt, sitzt beim Lehrertisch nicht die Lehrerin mit dem vielen weichen Fett und den Teddybären-Augen, sondern eine sehr dünne, sehr junge Frau mit himmelblauen Augen und blonden Haaren und sieben Sommersprossen auf der winzig kleinen Nase. Die richtige Lehrerin hat den Keuchhusten bekommen und muß im Bett liegen. (Keuchhusten bei erwachsenen Leuten ist eine langwierige Krankheit.) Emanuel schaut die Aushilfslehrerin an und wird ganz froh. Den ganzen Vormittag sitzt Emanuel froh bei seinem Tisch. Er träumt sich nicht weg. Er denkt kein einziges Mal an seinen Pinguin. Er schaut nur die Aushilfslehrerin an: die sieben Sommersprossen und die himmelblauen Augen.

Jeden Tag ist Emanuel in der Schule jetzt froh. Und eine neue Schultasche wünscht er sich. Damit er der Aushilfslehrerin gefällt.

Alle Kinder in der Klasse mögen die Aushilfslehrerin, aber Emanuel liebt sie. Er liebt sie so sehr, daß er zu Hause sogar den Pinguin vergißt. Früher hat er den ganzen Nachmittag mit dem Pinguin gespielt. Jetzt braucht er sehr lange zur Aufgabe, denn er macht sie ganz richtig und malt jeden Buchstaben in Zierschrift. Sogar Zierleisten macht er um die Heftseiten herum. Und wenn er die Aufgabe fertig hat, setzt er sich in den Schaukelstuhl und schließt die Augen und denkt an die sieben Sommersprossen der Aushilfslehrerin und an ihre himmelblauen Augen. Kommt der Pinguin zu ihm gewatschelt und schnattert los, sagt Emanuel: »Sei still, ich muß träumen!« Aber der Pinguin legt sich auf den Boden und wartet, daß Emanuel ihm den weißen Bauch krault. Wenn der Pinguin sehr vorwurfsvoll schnattert, beugt sich Emanuel zu ihm und krault den Pinguinbauch, aber er ist nicht bei der Sache. Er krault ohne Gefühl. Und denkt dabei weiter an die sieben Sommersprossen und die himmelblauen Augen.



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