Der Hauptmann von Koepenick by Carl Zuckmayer

Der Hauptmann von Koepenick by Carl Zuckmayer

Autor:Carl Zuckmayer [Zuckmayer, Carl]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 3104017832
Herausgeber: Fischer E-Books
veröffentlicht: 2012-01-18T23:00:00+00:00


Zwölfte Szene

Personen: Das kranke Mädchen, Wilhelm Voigt

Kammer mit Bett, Fenster zum Hof, Tür zum Gang. Auf einem Stuhl neben dem Bett sitzt Voigt. Das Bett ist so gestellt, daß man die darin liegende Gestalt kaum sehen kann – nur ihre Hand, die Voigt in der seinen hält. Überm Bett an der Wand aus Zeitschriften ausgeschnittene Farbdrucke, mit Reißnägeln befestigt. Vom Hof herauf hört man eine Männer- und eine Frauenstimme zweistimmig ein larmoyantes Lied vortragen. Mandolinenbegleitung.

DAS MÄDCHEN

Onkel Willem, ich hör doch was, was isn das?

VOIGT

Det sind de Hofsänger. Auch Hofraben jenannt. Die singen bei Hof, weißte, und denn wirft der Kaiser ’n Groschen runter, damit se wieder aufhören.

DAS MÄDCHEN

Du, ick hab auch ’n Groschen, er liecht auf mein Waschtisch unter der Zahnpulverschachtel. Wirf’n runter!

VOIGT

Wenn’s dir Spaß macht –

DAS MÄDCHEN

Wirf’n runter!

VOIGT

holt den Groschen, geht zum Fenster, öffnet.

Man hört die Stimmen der Hofsänger deutlicher

»Drum sag ich’s noch einmal:

Schön ist die Jugendzeit,

Schön ist die Juu-uugend,

Sie kommt nicht mehr!«

VOIGT

Da is ne olle Zeitung, da wer ick’s reinwickeln. So – Er wirft.

DAS MÄDCHEN

sich aufrichtend Hamse’s? Hamse’s jefangen?!

VOIGT

Bumms! Grade aufn Hartmann! Na, det gibt ja keen Loch in Kopp.

DAS MÄDCHEN

lacht, hustet.

VOIGT

fährt herum Willste dir zudecken, willste dir niederlegen, du kleene Krotte, nachher wirste nich jesund. Ist hingelaufen, deckt sie zu.Von unten hört man die Stimme des Hofsängers, der eine Ansprache hält.

VOIGT

rasch zum Fenster, schließt es.

DAS MÄDCHEN

Warum machste denn zu, da kann man ja nichts hören.

VOIGT

Jetzt singt er ja gar nich, jetzt klönt er nur. Det kann ick hier oben auch sagen. Stellt sich in Positur »Hochvaehrte Damen und Herrn – wir, die wir auf Jesanges Flügeln durch die Lande ziehn – wir sind den Vögeln des Himmels zu vajleichen, von denen schon in de Bibel steht: sie säen nich, sie ernten nich, aber ne trockene Schrippe ernähret sie doch. Darum, verehrtes Publikum, werft uns ne milde Gabe runter, und wenn’s ’n Sechser is, det vazinst sich in Himmel, da habense denn mal ne Million droben ze liegen, wennse recht lang leben und bei uns hier drunten immer tüchtig einzahlen!«

DAS MÄDCHEN

Scheen machste das. Als ob de mal bei jewesen wärst.

VOIGT

Na, vielleicht kennt ick’s noch werden.

DAS MÄDCHEN

Sag mal, Onkel Willem, biste viel rumjekommen in de Welt?

VOIGT

Ja doch, mächtig! De seßhafte Lebensweise, die hat mir nie recht zujesagt. Ick war in alle finf Weltteile, weißte – und einmal, da bin ick übers böhmische Riesenjebirje jewandert. Det is groß.

DAS MÄDCHEN

Herr Hoprecht war mal auf See, als Junge. Da hamse auch ’n Sturm jehabt, und ’n richtigen Neger. Aber da kann er gar nich erzählen von. Du erzählst viel besser.

VOIGT

Ick hab mir’s eben scheen ausjemalt im Kopp, weißte. Du, aber ins Riesenjebirje, da mußte auch mal rauf. Wenn de jetzt jesund wirst, da mußte dir doch erholen, da zahlt dir vielleicht de Kasse wat zu, un denn jehste rauf, in de Berje.

DAS MÄDCHEN

Ick war mal in de Müggelberje. Da war ick aber noch klein. Det war son Ausflug mitn Waisenhaus. Ick kann mir gar nich besinnen.

VOIGT

De Müggelberje, det sind ja Maulwurfshaufen, da hippt ja n’ Floh rieber, wenn er ’n bißken aufjeregt is.



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