Das Gotteslehen by Ludwig Ganghofer

Das Gotteslehen by Ludwig Ganghofer

Autor:Ludwig Ganghofer
Format: epub
Tags: Roman
Herausgeber: Bertelsmann Lesering


Der Winter blieb so streng, wie er begonnen hatte. Blauer Himmel mit glitzerndem Frost. Dann wieder Sturm. Und neuer Schnee fiel über den alten.

Still vergingen im Gotteslehen die weißen Tage, einer wie der andere.

War die Arbeit in den Ställen getan, dann saßen die Gesindleute beim Hauswirt in der Herdstube. Während sie in Gegenwart der Blinden fröhlich miteinander schwatzten, muntere Lieder sangen und lustige Märchen erzählten, banden sie die Speerklingen an die Schäfte, härteten am Feuer die Spannfedern für die Armbrusten, befiederten die Bolzen, machten die in der Hausschmiede gehämmerten Schwerter blank und benähten die ledernen Spenzer mit Eisenblech.

Jutta, die neben dem Herde saß, flocht ihre Blumen oder spann. Sie war wunderlich still geworden. Auf das Geplauder der Gesindleute schien sie nicht zu hören, schien auf kein Geräusch zu achten. Was in der Stube auch geschah, sie stellte nie eine Frage. Oft ließ sie durch Stunden die sonst so fleißigen Hände ruhen und blickte mit großen unbeweglichen Augen ins Leere. Oder sie streichelte unter leisem Lächeln immer die Stirn der weißen Hündin, die ihren Kopf im Schoß der Blinden hatte. Zenta durfte nicht von ihrer Seite weichen. Jutta wurde unruhig, wenn sie die Nähe des Tieres nicht fühlte. Immer rief sie gleich: »Weiße, wo bist du?« Kam Zenta gesprungen und schmiegte sich an die Blinde, dann fand auch Jutta ihr ruhiges Lächeln wieder. Das Tier war mehr für sie als nur ein treu ergebenes Geschöpf, es war für sie eine Freundin, mit der sie ein Geheimnis teilte, eine träumende Erinnerung.

So still sie auch geworden, die Freude am Lied war ihr geblieben. Kaum eine Stunde verging, in der sie nicht eines von ihren Liedern sang, am häufigsten das Maienlied.

Die Gesindleute schwatzten oft von dem Wandel, der über das Hauskind gekommen war. Und der Altsenn sagte einmal: »Ihr Herzl ist lebig worden. Ich mein, sie hat den Reinold gern.«

Die Helgard fuhr auf wie eine Natter. »Das ist gelogen!«

Einer der Jungsennen lachte dazu. »Dir möcht's taugen, wenn der Klosterstieglitz nach einer anderen ausschauen tät! Der schaut halt lieber nach einem weißen Gesicht! als nach Rosmucken.« Sommersprossen

Im Zorn hätte Helgard den Waschklöppel, den sie gerade in der Hand hielt, dem Spötter ins Gesicht geschlagen. Ruglind sprang dazwischen. »Wollt ihr euch die Köpf blutig schlagen? Im Streit um die Lieb? Ihr Narren! Lieb ist Elend und ist keinen Streich nit wert.«

Von diesem Tag an wurde Helgard eine andere gegen Jutta. Sie ließ wohl äußerlich in der Fürsorge, die sie der Blinden zu widmen hatte, nichts vermissen; doch alles tat sie verdrossen, wie etwas Erzwungenes. Und häufig redete sie in einem Ton, daß der Gotteslechner mahnen mußte: »So darfst du nit reden mit dem Kind! So greift man einen Besen an, aber nit ein Blüml.«

Mit wachsender Sorge sah Greimold den Wandel, der sich im Wesen seines Kindes vollzog. Hand in Hand mit dieser Sorge ging eine Freude. In Jutta war es immer wie ein dürstender Wunsch, dem Vater ihre Liebe zu zeigen. Sie streckte die Arme nach ihm, wenn sie seinen Schritt in der Nähe hörte. Lange



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