Căpitan Codreanu by Oliver Jens Schmitt

Căpitan Codreanu by Oliver Jens Schmitt

Autor:Oliver Jens Schmitt
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783552058071
Herausgeber: Paul Zsolnay Verlag Wien 2016
veröffentlicht: 2016-09-04T16:00:00+00:00


Die legionäre Kommune

Familie ist ein entscheidender Bezug und Schlüsselbegriff in Codreanus Leben, das sich auch als kontinuierlicher Versuch der Gemeinschaftsbildung lesen lässt. Die Familie blieb stets der wichtigste Rückhalt des Căpitan, und in Zeiten ernsthafter Morddrohungen ließ er nur noch seine Geschwister zu sich. Die enge Familienbindung widersprach jedoch Codreanus Doktrin von Gemeinschaft, die nicht durch Abstammung oder demokratische Wahl zustande kam, sondern durch die vom Führer vorgenommene Erwählung. Daher war es nur konsequent, dass er im Herbst 1935 seine Geschwister aufforderte, »ein gewaltiges Opfer« zu erbringen und sich aus der Bewegung zurückzuziehen. Seine Führungsrolle definierte er als die eines Mannes »ohne Haus und Habe«. Bekämpfung von Klientelismus und Korruption, Armut und Korrektheit sind zentrale Botschaften des Legionarismus. Codreanu nahm sie ernst und wollte sie selbst leben. Die Brücken zur Familie als emotionalem Rückhalt brach er indes nicht ab, diese blieb für ihn immer Zuflucht. Tatsächlich hielten sich seine Schwester Iridenta, Gattin seines engsten Freundes Ion Moţa, und sein Bruder Horia oft in seiner Umgebung auf und pflegten die alte, noch aus Iaşer Studentenzeiten stammende Tradition des gemeinsamen Gemüseanbaus auf von Gönnern geschenkten Bauernhöfen. Auch sein Vater wirkte weiterhin als legionärer Wanderprediger, von Anhängern wegen seines volkstümlichen Redetalents bewundert. Im legionären Zentrum in Bukarest trat er hingegen kaum sichtbar auf.1

Familie ist aber auch ein Schlüsselbegriff des Legionarismus. Denn als »legionäre Familie« bezeichnete Codreanu jene Lebens-, Glaubens- und Wirtschaftsgemeinschaft, die er an den Bukarester Sitzen der Bewegung – im Hause Cantacuzino-Grăniceruls mitten in der Stadt, im »Grünen Haus« im nordwestlichen Stadtteil Neu-Bukarest, zuletzt im »Legionären Palast« neben Cantacuzino-Grăniceruls Haus – um sich sammelte. Diese Familie teilte Essen, Bett und Kleidung nach den Prinzipien von (legionär gedeuteter christlicher Nächsten-)»Liebe und Tugend«, gemeinsamer Arbeit ohne Lohn. Man kann dies als legionäre Kommune bezeichnen, und Kritiker warfen dem Căpitan auch Kommunismus vor. Codreanu hielt dagegen, es gehe um Verzicht, Kameradschaft, Arbeit und Heldentum, um ein Opfer, das wie ein »Betonpfeiler« die Gemeinschaft stütze.2

An dieser Kommune hatten Frauen und Männer teil, aber auch Kinder, die Codreanu gezielt in Doktrin und Praxis seiner Bewegung einband. Der kinderlose Căpitan hatte eine Tochter seines Bruders Horia adoptiert, die Zahl der Kinder in seiner Umgebung aber durch die faktische Adoption aus bedürftigen Bauern- und Arbeiterfamilien vermehrt. Diese Kinder lud er auch in das von ihm geleitete Sommerlager nach Carmen Sylva am Schwarzen Meer ein. Eine kleine Gruppe wurde ausgewählt und lebte dauerhaft im Dachgeschoss des »Grünen Hauses«. Prinzipien und Lebensweise waren nicht »kommunistisch«, sondern jene einer klosterartigen Gemeinschaft, in der Codreanu als strenger Vater auftrat. Er, der 1934 davon geträumt hatte, Klöster zu gründen, hatte tatsächlich das quasi-monastische Zentrum eines asketisch-militanten Ordens geschaffen. Eines der Kinder veröffentlichte Jahrzehnte später Memoiren und erinnerte sich an die besondere Stimmung von Gemeinschaft, Glauben und Respekt für den abt-artigen Führer, den die Kinder oft von einem Hirtenhund und einem gezähmten Wolf begleitet im Hof spazieren sahen. Die Gemeinschaft leitete Codreanu mit seiner Frau, vor allem aber mit Nicoleta Nicolescu, der Frauenführerin der Legion, die von den Kindern als Muttergestalt angesehen wurde, die mit ihnen Gebete einübte und deren asketische Lebensweise an eine Äbtissin erinnert.



Download



Haftungsausschluss:
Diese Site speichert keine Dateien auf ihrem Server. Wir indizieren und verlinken nur                                                  Inhalte von anderen Websites zur Verfügung gestellt. Wenden Sie sich an die Inhaltsanbieter, um etwaige urheberrechtlich geschützte Inhalte zu entfernen, und senden Sie uns eine E-Mail. Wir werden die entsprechenden Links oder Inhalte umgehend entfernen.