Buchland (German Edition) by Markus Walther

Buchland (German Edition) by Markus Walther

Autor:Markus Walther [Walther, Markus]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Acabus
veröffentlicht: 2013-09-19T22:00:00+00:00


Wandelnder Tod

Die Fahrstuhltür glitt auf. Vor uns lag mein Arbeitszimmer. Alles wie immer. Doch wir spürten es beide. Subtil. Es glitt mit kalten Fingern über unser Unterbewusstsein. Meine Nackenhaare richteten sich auf. Beatrice schüttelte es kaum merklich.

„Ist es hier kälter als sonst?“, fragte sie und rieb sich dabei unbewusst über die Arme.

Mein Atem kondensierte vor meinem Mund. Das beantwortete ihre Frage ohne Worte. Doch die gefallene Temperatur allein machte die Veränderung nicht aus. Was war es?

Die Tür zum Verkaufsraum stand offen. Die Tür zur Straße ebenso. Kalter Wind wehte herein. So kalt wie im tiefsten Sibirischen Winter. Ich eilte nach vorne, humpelte auf die Straße. Sie lag menschenleer da, bedeckt von Rauhreif und Eis. Kein Mensch, kein Fahrzeug weit und breit. „Was geht hier vor?“

Die Welt hatte ihre Farben verloren. Alles schien nur noch aus groben Umrissen und Schraffuren zu bestehen, erinnerte an eine Skizze, die mit fahrigem Bleistift auf grobem Papier gezeichnet worden war.

An der Bushaltestelle lag etwas auf dem glänzenden Asphalt. „Mein Mantel“, entfuhr es Beatrice. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ingo!“

Ich konnte mir nicht vorstellen, was der Mantel mit Ingo zu tun haben sollte, doch als Beatrice in panischer Angst zu dem Stoffhaufen lief, bemühte ich mich, einigermaßen mit ihr Schritt zu halten.

Sie hob den Mantel auf, tastete ihn ab. Erleichtert zog sie Ingos Kladde aus der Innentasche heraus. „Ingo. Oh, mein Gott. Ich dachte schon …“

Die Luft veränderte sich und das Grau von den Fassaden schien wie Tünche im Regen herabzulaufen. Es sammelte sich in den Schatten, kroch von dort auf zu uns und erhob sich schließlich zu einer nachtschwarzen Silhouette. Die Stimme, die nun zu uns sprach war dünn und verwaschen, so als gehöre sie nicht in unsere Realität. Diese Einschätzung entsprach vielleicht sogar der Wahrheit.

„Es reicht nicht ganz“, sagte die Stimme. „Hier draußen habe ich noch nicht genügend Wirklichkeit. Die Macht deiner Freunde hat die Grenzen noch nicht ausreichend aufgeweicht. Aber das wird kommen.“

Beatrice kniff die Augen zusammen. „Tod?“

„Ingo wird mir nicht entgehen. Niemand kann das. Meine Bilanz wird aufgehen.“ Er sprach mit mir, ignorierte Beatrice vollkommen. „Die sechs Wochen sind bald vorbei. Dann kann ich mir das Buch nehmen, es greifen und tilgen.“

„Das. Wirst. Du. Nicht“, schrie Beatrice und warf sich mit aller Kraft gegen die Gestalt.

Es gab keinen Aufprall. Das Schwarz stob auseinander wie ein körperloser Nebel. Beatrice fiel hindurch, stürzte auf ihre Hände und Knie und blieb weinend dort unten.

Tod verschwand, mit ihm die seltsame Leblosigkeit um uns herum. Die Sonne brach durch die Wolkendecke, gab der Welt die Farben zurück. Ein Wind wirbelte um uns herum, blies die Kälte fort und kurz darauf traten die ersten Leute wieder auf die Straße, wie Statisten, die auf ihr Stichwort gewartet hatten. Ein vorbeifahrendes Auto hupte lautstark und wütend, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns mitten auf der Fahrbahn befanden. Erste neugierige Blicke trafen uns.

„Meine Bea.“ Ich sprach es zum ersten Mal laut aus. Es hörte sich richtig an. „Wir können hier nicht bleiben.“

Ich half ihr beim Aufstehen, führte sie zurück in den vermeintlichen Schutz meines Antiquariats.



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