Älter als Jesus oder mein Leben als Frau by Khayyer Jina

Älter als Jesus oder mein Leben als Frau by Khayyer Jina

Autor:Khayyer, Jina [Khayyer, Jina]
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Sachbuch
ISBN: 9783280055946
Herausgeber: Orell Füssli Verlag
veröffentlicht: 2015-09-15T00:00:00+00:00


FÜNFTER TEIL

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Älter als Jesus

Noch so eine fade, feige Redewendung: Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität. Ich will so viel wie möglich leben. Und ich will für mich nur das Beste. Seit Teheran werde ich darauf noch mehr achtgeben. »Wichtig ist nicht das ewige Leben« (ich zitiere Nietzsche), »sondern die ewige Lebendigkeit.« Ich mag diesen Satz.

Ich liebe mein Zuhause. Ich liebe mein Arbeitszimmer. Ich liebe meinen Ausblick. Wie schön es ist, in Paris zu sein, zu Hause – in meiner geliebten Rue Martel. Ich bin über allen Dächern. Nur auf einem Boot, mitten auf der Seine bekommt man ein größeres Stück Himmel als hier vor meinem Schreibtisch. Paris, mein geliebtes Paris. Selbst in den schwersten Stunden hast du mich nicht einmal betrogen. Auf deine Schönheit kann ich mich immer verlassen. Und auch darauf, dass du immer eine Überraschung für mich hast. Die Unberechenbarkeit feiert in Paris die tollsten Feste. Du bist meine perfekte Geliebte. Du bist das Gegenteil von Teheran.

Kannst du dich noch erinnern, als dich Janet Jackson besuchen kam? Alle wollen sie dich besuchen. Wenigstens einmal in ihrem Leben will jedes Mädchen und jede Frau dich sehen. Für niemand sonst machen sie sich so schön wie für dich. Voller Erwartungen sind sie, und du – du verstehst es, sie nicht zu enttäuschen. Nie. Ich kenne nicht ein Mädchen und keine Frau, die dich nicht liebt. Auch ich liebe dich, unendlich, für immer. Ich liebe deine Magnolien, die nur im März und nur im Palais Royal blühen, deine schmalen Gassen, die jeden Morgen zum Sonnenaufgang so klischeehaft nach frisch gebackenem Baguette und Croissants riechen, deine hübschen Töchter; stundenlang kann ich sie beobachten, wie sie vor sich hin schnattern und kokettieren, deine Heldinnen – Jeanne d’Arc, Marianne. Deine Brücken und Kuppeln und Gärten, deine geheimen Verstecke, deine Sonnenuntergänge. Ich bin sehr glücklich hier. Nach mehr zu fragen wäre habgierig.

Ein Marienkäfer, den ich jetzt erst auf meiner rechten Hand bemerke, reißt mich aus meinem Tagtraum. Er sitzt auf der Spitze meines kleinen Fingers. Ich ziehe meine Hand ganz langsam, mit dem Handrücken nach unten, vor mein Gesicht, um den Marienkäfer zu inspizieren. »Nein, nicht wegfliegen«, sage ich zu ihm. Er bleibt, auf der Spitze des kleinen Fingers. Und dann setzt er sich sehr langsam in Bewegung – kleiner Finger runter, Ringfinger hoch, Ringfinger runter, Mittelfinger hoch, als wollte er die Silhouette nachzeichnen. Plötzlich wechselt er die Seite und läuft den Mittelfinger auf der Handflächenseite runter, ich drehe meine Hand vorsichtig um. Ich habe nicht viele Linien in meiner Handfläche, dafür aber sehr ausgeprägte. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich mag meine Handflächen. Sie sehen aufgeräumt aus und geben mir Ruhe. Jetzt spüre ich den Marienkäfer deutlich. Er läuft gerade auf der Handfläche den Daumen hoch und wieder wechselt er die Seite und überquert nun flink und schnurstracks meinen Handrücken, so als hätte er plötzlich einen Termin. Er stoppt zwischen dem Mittelfinger und dem kleinen Finger. Mein Ring hält ihn auf. Schneewittchen, sie ist wieder da. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an sie denke.



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