De Sade: oder Die Vermessung des Bösen (German Edition) by Volker Reinhardt

De Sade: oder Die Vermessung des Bösen (German Edition) by Volker Reinhardt

Autor:Volker Reinhardt [Reinhardt, Volker]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783406665165
Herausgeber: C.H.Beck
veröffentlicht: 2014-10-19T16:00:00+00:00


Das finstere Gegenbild zum humanen Inselstaat Tamoé: Sainville vor dem grausamen Gericht der spanischen Inquisition ist de Sades Ebenbild vor dem Parlament von Aix-en-Provence (Illustration zu Aline et Valcour, 1795).

Bestraft ihn nicht, wenn er Böses tut, denn dann macht ihr es ihm unmöglich, Gutes zu tun. Anstatt solche Menschen zu quälen, solltet ihr lieber euer Regierungssystem auswechseln. Denn solange dieses schlecht ist, kann es nur schlechtes Betragen geben, denn dann ist es nicht der Einzelne, sondern der Gesetzgeber, der sich schuldig macht.[59]

Mit einem Schlage wandelt sich Sainvilles Bericht zu einer Anklage de Sades an seine Richter: Ihr habt kein Recht, über mich zu richten, denn ich bin das Ergebnis perverser Verhältnisse.

Gibt es auf Tamoé, wo die Laster fast völlig erloschen sind, überhaupt noch Tugend, die sich doch als Gegenbild und Überwindung des Bösen definiert? Frankreich, so Zamé, hat nicht nur falsche Vorstellungen vom Verbrechen, sondern auch vom Guten:

Tugend heißt nicht, keine Laster zu begehen, sondern unter den gegebenen Umständen das Bestmögliche zu tun … Wohltätigkeit wird bei uns nicht wie bei euch von frommen Stiftungen ausgeübt, die doch nur Mönche fett machen, geschweige denn durch Almosen, die zum Nichtstun verführen. Wohltätigkeit heißt bei uns, seinem Nachbarn zu helfen, Kranken und Alten beizustehen, gute neue Erziehungsprinzipien zu erfinden, Streit und innere Zwietracht zu unterbinden. Mut zeigt sich darin, die Übel, die uns die Natur schickt, geduldig zu ertragen.[60]

Hier redet nicht mehr der Naturschwärmer Rousseau, sondern der Marquis selbst. Wenn Tugend darin besteht, sich für Menschen in Not einzusetzen, und mit Verhaltensweisen vereinbar ist, die üblicherweise als Laster bezeichnet werden, dann – so der de Sadesche Ton in der Rede Zamés – bin ich, der bekennende Libertin de Sade, tugendhaft!

Gemäß diesen Prinzipien fallen auf Tamoé die Strafen für diejenigen, die trotz aller pädagogischen Anleitungen und aller Ermunterungen zur Tugend ein abweichendes Verhalten an den Tag legen, viel milder aus als im barbarischen Frankreich:

Unsere Strafen sind, den einzigen Delikten unserer Nation entsprechend, leicht; sie demütigen und entehren nicht.[61]

So treiben sie die Übertreter des Gesetzes nicht zum Äußersten. Stattdessen hat der weise Zamé sie der Mentalität seines Volkes angepasst:

Unsere Strafen bestehen hier nur aus der herrschenden Meinung. Ich habe den Geist dieses Volkes genau studiert. Es ist empfindsam und stolz, und es liebt den Ruhm. So packe ich sie bei ihrer Ehre, wenn sie Böses tun. Wenn ein Bürger eine schwere Schuld auf sich geladen hat, lasse ich ihn zwischen zwei öffentlichen Ausrufern spazieren, die seine Verfehlung mit lauter Stimme bekannt machen.[62]

Leichte Verfehlungen werden dadurch geahndet, dass der Übeltäter ein schlechteres Stück Land bebauen muss, bis er sich nachweislich gebessert hat. Gefängnisse sind dagegen verpönt, denn sie entsprechen nicht dem Ziel der Bestrafung:

Sobald sich ein Bürger etwas zuschulden kommen ließ, gibt es nur noch ein Ziel: Wenn man gerecht sein will, muss seine Strafe ihm oder den anderen nützlich sein.[63]

Diese Resozialisierung kann nicht in der Abgeschiedenheit hinter Gefängnismauern geschehen:

Man bessert einen Missetäter nicht durch Isolation, sondern dadurch, dass man ihn in die Gesellschaft, die er geschädigt hat, entlässt.[64]

Solche Ideen waren seit Cesare Beccarias Delle



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