Das Leben, von dem sie träumten by Sarif Shamim

Das Leben, von dem sie träumten by Sarif Shamim

Autor:Sarif, Shamim [Sarif, Shamim]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783944576343
Herausgeber: K+S digital
veröffentlicht: 2015-08-22T00:00:00+00:00


KAPITEL 14

Moskau, November 1956

Mischa hat gemeint, es wäre naiv zu glauben, dass der Hochzeitstag der glücklichste Tag seines Lebens sein würde. »Der nervöseste Tag deines Lebens, mein Freund«, hat er gesagt, »oder der beängstigendste. Aber der glücklichste? Du wirst keine Zeit haben, glücklich zu sein.«

Alexander knöpft sein frisch gebügeltes Hemd zu und stopft es sich sorgsam in die Hose. Er fährt prüfend über Wangen und Kinn – erst vor zwei Stunden hat er sich beim Friseur unten im Hof seines Wohnkomplexes rasieren lassen. Alles glatt, aber heute ist er derart pingelig, dass er sich einbildet, schon wieder die ersten Stoppeln zu spüren, und er geht ins Bad, um sich noch einmal zu rasieren. Er beugt sich weit über das Waschbecken, hält Abstand, um kein Wasser, keinen Rasierschaum auf sein sauberes Hemd zu bekommen. Er liebt frische Kleidung, und Katja ebenfalls. An manchen Abenden, wenn sie sich in ihrer Wohnung getroffen haben, hat er mitbekommen, wie sie sich alle Kleider vom Leib gestreift und in die Wäsche gegeben hat.

Er spült den Schaum von der Klinge und trocknet sie ab. Wangen und Kinn sind kaum glatter als zuvor; entweder hat er sich den Schatten eingebildet oder die Stoppeln sind zu kurz, um von der Klinge erfasst zu werden. Es ist auch nicht weiter wichtig – die Vorbereitungen, die ruhige Vorfreude sind ihm ein Vergnügen. Er tupft sich das Gesicht trocken und geht nach nebenan zu dem Spiegel auf der Frisierkommode. Er wird die Sachen, die hier stehen, forträumen, damit Katja Platz hat. Er betrachtet sein Gesicht. Es ist ein attraktives Gesicht, wie man ihm in all den Jahren als einziges Kind seiner Eltern erzählt hat. Außerdem ist es ein ernstes Gesicht, um Mund und Augen herum, obwohl die Augen ein latentes Funkeln besitzen und auf einen Mann hindeuten, der Ironie zu schätzen weiß. Er fragt sich, wie sein Gesicht in den weichen Zügen eines Babys aussehen würde. Dann schüttelt er den Kopf, denn was er sich wirklich wünscht, ist ein Baby, das aussieht wie Katja. Er stellt sich vor, wie er das winzige Wesen an seine Brust drückt, stellt sich vor, wie er den süßen milchigen Duft des Babys einatmet. Er knöpft den gestärkten Hemdkragen zu und schenkt sich im Spiegel ein Lächeln. Mischa hat unrecht, denkt er. Dies ist wirklich der glücklichste Tag meines Lebens. Die einzige Wolke am Horizont ist, dass er noch zwei Stunden ohne Katja überstehen muss, zwei Stunden, die sie getrennt voneinander verbringen müssen, um sich anzukleiden und darauf einzustimmen, den Rest ihres Lebens endlich beisammenzusein.

Er ist mit Mischa am Hochzeitspalast, fast eine Stunde zu früh. Sie bleiben vor dem goldverzierten Eingangsportal stehen, das sich achtunggebietend vor ihnen erhebt. In diesem Gebäude heiraten fast nur Regierungsangehörige.

Mischa stößt einen Pfiff aus, als sie es betreten.

»Sehr nett«, bemerkt er sarkastisch. »Vielleicht eine Idee größer und glamouröser als die Orte, an denen der Rest von uns heiratet.«

»Meine Großeltern haben in einer Kirche geheiratet«, sagt Alexander und geht über Mischas Ton hinweg. Mischa nickt.

»Meine auch. Sogar meine Eltern noch.«

Es ist viele



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