Die Mauer steht am Rhein by Christian Ditfurth

Die Mauer steht am Rhein by Christian Ditfurth

Autor:Christian Ditfurth [Ditfurth, Christian]
Die sprache: deu
Format: mobi, epub
veröffentlicht: 2014-02-16T23:00:00+00:00


V.

Eines Morgens im denkwürdigen Frühsommer 1989 las ich in der »RP«, daß coop und die DDR-Handelsorganisation (HO) eine Fusion anstrebten. Aber auch Edeka, Spar, Penny, Kaiser’s Kaffee und andere Ketten drängte es zu Gesprächen, in deren Mittelpunkt »die Sicherung eines reichhaltigen Nahrungs- und Lebensmittelangebots der werktätigen Bevölkerung in ganz Deutschland steht«, wie eine HO-Verlautbarung erklärte. Das war mir rätselhaft. Hatten wir nicht all die Jahre geradezu überbordende Regale in den Geschäften gehabt? Wurden nicht Tag für Tag Gemüse, Fleisch, Backwaren, Textilien tonnenweise vernichtet, weil sich keine Käufer fanden?

Statt Antworten auf solche Fragen fand ich im Edeka- laden an der Ecke, in dem ich meist einkaufte, viele neue Waren im Angebot: Berliner Pilsner, mit Sucrosin gesüßtes Diabetiker-Vollbier, Club Cola, Selterswasser, Bitter Lemon und Astoria-Brause vom VEB Getränkekombinat Berlin; Mischgemüsemischung in Dosen, Gewürzgurken, Rosenkohl und Rotkohl vom VEB Ogema Oebisfelde; Traubensaft, Sauerkirsch- und Johannisbeer- Süßmost sowie Apfelgetränk vom VE Kelterei- und Konserven-Kombinat Werk Lockwitzgrund in Dresden; diverse Marmeladesorten vom Verarbeitungskombinat der Wirtschaftsvereinigung Obst, Gemüse und Speisekartoffeln Bezirk Frankfurt (Oder); Apfelmark und Birnenkompott vom VEB Havelland; Mekaha-Champignon- Käsecreme vom VEB Mecklenburger Käsewerk Hangenow oder Fleischklopse ohne Semmel vom Konsum Fleischwaren- und Feinkostwerk Berlin.

Eines Tages, als ich gerade zögerlich eine Flasche Bärensiegel Klarer betrachtete und mich fragte, ob ich diesen mir gänzlich unbekannten Korn einmal ausprobieren sollte, tippte jemand von hinten auf meine Schulter. Als ich mich umdrehte, blickte ich in das hübsche Gesicht von Verena. Gleich faszinierte mich wieder ihre zarte Nase, die ein klein wenig nach oben zeigte. Verena war meine letzte Beziehung gewesen, aber das war nun auch schon ein gutes Jahr her. Sie hatte nach wenigen Monaten mit mir einen anderen Mann gefunden, den sie offenbar aufregender fand als mich. Irgendwie hatte ich dafür sogar Verständnis. Aber jetzt, da sie mit ihrem blonden Pagenkopf über strahlend blauen Augen vor mir stand, verführerisch wie eh und je, da bedauerte ich es doch, daß es mit uns schiefgegangen war. »Na du«, sagte sie nur, und mir lief ein kleiner Schauder den Rücken hinunter.

Wir verabredeten uns für den Abend in der Gaststätte »Rheinpark«, nahe dem Econ Verlag, für den Verena als Lektorin in der Wirtschaftsabteilung arbeitete. Sie hatte, als wir zusammen waren, zwar pausenlos über Chefs und Kollegen geschimpft, aber ich hatte doch den Eindruck, daß sie gerne zur Arbeit ging. Ich erinnere mich noch an ihren direkten Vorgesetzten, einen Herrn mit dem seltsamen Namen Hut, der sich Besuchern gerne mit dem Bonmot »Hut, so wie Stock« vorstellte.

Ich war zu früh im »Rheinpark«. Um mir Mut zu machen, trank ich einen doppelten Lunikoff. »Den haben wir jetzt neu im Angebot. Kommt aus der DDR«, sagte der Kneipier fröhlich, als hätte er auf diesen Wodka schon jahrelang gewartet. Er schmeckte gar nicht übel.

Verena erschien mit leichter Verspätung und war ziemlich aufgeregt. Also hatte sich auch daran nichts geändert, sie regte sich gerne auf. »Weißt du, was passiert ist?« fragte sie mit leicht schriller Stimme, kaum hatte sie sich grußlos mir gegenüber hingesetzt. Woher sollte ich das wissen?

»Also, der Held hat doch tatsächlich angeordnet, daß wir kein Buch über den Mittag machen.



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