Vater Goriot by Balzac Honoré de

Vater Goriot by Balzac Honoré de

Autor:Balzac, Honoré de
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: (Privatkopie)
veröffentlicht: 2010-02-03T05:00:00+00:00


Fanchette in ihrer Einfalt

Ist zum Entzücken schön ...

Viktorine flüchtete – mit einem Herzen so voll Freude, wie es bisher in ihrem Leben voll Leid gewesen war. Armes Mädchen! Ein Händedruck, das Haar Rastignacs, das ihre Wange streifte, ein Wort, so nahe an ihrem Ohr gesprochen, daß sie die heißen Lippen des andern fühlte, ein Arm, der sie bebend umfaßte, ein Kuß auf ihren Nacken, – das waren die Gaben, die die Liebe ihr brachte; aber die drohende Nähe der dicken Sylvia, die jeden Augenblick eintreten konnte, gab diesen Liebeszeichen mehr Glut, mehr Leben, als die schönsten Ergebenheitsbeweise in den berühmtesten Liebesromanen aufzuweisen haben. Diese angstvoll gepflückten Liebesblüten schienen dem frommen jungen Mädchen, das alle vierzehn Tage zur Beichte ging, wahre Verbrechen. In dieser einen Stunde hatte sie mehr Seelenreichtum verschwendet, als sie später, da sie reich und glücklich war, durch ihre völlige Hingabe hätte gewähren können.

»Die Sache ist gemacht«, sagte Vautrin zu Eugen. »Unsere beiden Leute haben sich verprügelt. Alles ist wie üblich verlaufen. Ehrensache! Unser Tauber hat meinen Falken beleidigt. Morgen früh auf der Schanze von Clignancourt! Um halb neun wird Fräulein Taillefer, während sie ahnungslos ihr Butterbrot zum Kaffee verzehrt, die Liebe und das Vermögen ihres Vaters erben. Ist das nicht spaßhaft? Der kleine Taillefer ist ein guter Fechter und mächtig eingebildet. Aber er wird durch einen Hieb, den ich erfunden habe, hinüberbefördert werden. Ich werde Ihnen diesen Hieb zeigen; er könnte Ihnen gelegentlich ungeheuer nützlich sein.«

Rastignac hörte verblüfft zu und konnte nichts antworten. In diesem Augenblick traten Goriot, Bianchon und mehrere andere Tischgäste ein.

»Sie benehmen sich schon ganz vernünftig«, sagte Vautrin. »Sie wissen, was Sie tun. Gut so, mein Adlerjunges! Sie werden die Menschen beherrschen; Sie sind stark, willensstark und kühn. Meine Hochachtung!«

Er wollte ihm die Hand drücken. Rastignac zog sie hastig zurück und sank erbleichend auf einen Stuhl; er glaubte in Blut zu ersticken.

»Ach, wir haben noch einige Tugendflecke in unseren Windeln«, sagte Vautrin mit leiser Stimme. »Papa Doliban hat drei Millionen, ich kenne sein Vermögen. Die Mitgift wird Sie in Ihren eigenen Augen rein waschen wie eine Braut.«

Rastignac schwankte nicht länger. Er beschloß, im Laufe des Abends die beiden Herren Taillefer zu warnen. Vautrin hatte sich abgewandt; aber Vater Goriot hatte sich dem Studenten genähert und sagte ihm ins Ohr: »Sie sind traurig, mein Sohn. Ich werde Sie schon aufheitern; kommen Sie!«

Und der alte Nudelfabrikant zündete an einer der Lampen seinen Wachsstock an. Eugen folgte ihm, von Neugier ganz benommen.

»Gehen wir auf Ihr Zimmer«, sagte der biedere Alte, der sich von Sylvia den Schlüssel zu Rastignacs Zimmer geben ließ. »Sie haben heute morgen gemeint, sie hätte Sie nicht lieb, wie?« fuhr er fort. »Sie hat Sie absichtlich und voll Hast weggeschickt, und Sie waren zornig, verzweifelt. Dummchen! Sie erwartete mich! Begreifen Sie nun? Wir wollten die letzte Hand anlegen an die Einrichtung der entzückenden kleinen Wohnung, in die Sie heute in drei Tagen einziehen werden. Verraten Sie mich nicht! Sie will Ihnen eine Überraschung bereiten; aber ich halte es nicht länger aus, Ihnen den reizenden Plan zu verbergen.



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