Das Nachthaus by Nesbø Jo

Das Nachthaus by Nesbø Jo

Autor:Nesbø, Jo [Nesbø, Jo]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Ullstein eBooks
veröffentlicht: 2023-10-19T00:00:00+00:00


Kapitel 20

Vanessa, Victor und ich schlichen uns zum Haus, wobei ich das große Fenster unter den Teufelshörnern nicht aus den Augen ließ. Es war dunkel und kein Gesicht zu sehen.

Als wir an der Haustür waren, hörte ich, wie Vanessa und Victor hinter mir stehen blieben. Ich drehte mich um.

»Wir gehen da nicht mit rein«, flüsterte Vanessa.

»Was? Ihr habt doch gesagt, dass ihr mit ins Haus wollt, um zu sehen, ob es etwas zu stehlen gibt?«

»Wir haben uns anders entschieden«, sagte sie.

Wir hatten nicht die Zeit zu diskutieren, außerdem sah ich ihren Gesichtern an, dass es hoffnungslos war. Ich legte die Hand auf die Klinke und zog sie so fest es ging zu mir. Sie öffnete sich mit einem Ruck, und ein feuchter Gestank schlug mir entgegen. Es roch nach Fäulnis und Tod.

»Warte«, flüsterte Vanessa. »Die Autoschlüssel.«

Ich drehte mich zu ihnen. Victor hatte das Messer gezückt.

»Los«, sagte er.

»Nur für den Fall, dass du nicht wieder rauskommst«, sagte Vanessa und versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln.

Ich griff in die Hosentasche und gab ihr die Schlüssel. Ohne Benzin kamen sie ohnehin nicht weg.

Dann ging ich allein ins Haus.

Das Mondlicht schien durch das große Fenster herein und tauchte die Halle in gespenstisches, unwirkliches Licht. Es musste ein Luftzug entstanden sein, als ich die Tür geöffnet hatte, denn trockenes Laub glitt über den Boden. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall hinter mir. Die Tür war vom Wind zugeschlagen worden.

Ich hielt die Luft an und lauschte. Hatte der Knall jemanden geweckt? Aber ich hörte nur das Tropfen, das ich schon vom letzten Mal kannte. Und ein Knirschen, als schliche sich jemand über die Bodendielen, nur dass dieses Geräusch von der Unterseite der Dielen kam. Ich sah nach unten. Bestimmt bildete ich mir das nur ein, es sah aber so aus, als würden die Dielen sich hier und da bewegen. Ich hob den Blick und sah mich um. Alles war wie beim letzten Mal. Abgesehen von der Tür zu dem Zimmer mit den Fledermäusen. Sie war jetzt angelehnt, dabei hatten wir sie weit offen gelassen.

Ich blieb vor dem kaputten Flügel und dem Haufen aus Möbeln stehen, drehte den Deckel vom Ersatzkanister und goss die Hälfte des Benzins darüber. Den Rest leerte ich auf dem Boden aus. Dann nahm ich die Streichhölzer. Als ich das erste anzündete, hörte ich ein tiefes Seufzen, wie wenn man seinen Fuß aus dem Sumpf zieht. Ich sah mich rasch um. Dann ließ ich das Streichholz los. Nur einen Augenblick später stand alles in Flammen. Fasziniert sah ich zu, wie das Feuer sich über den Boden ausbreitete und an den Tapeten nach oben leckte.

Es knallte wie ein Pistolenschuss im Flügel, gefolgt von einem hohen Ton. Dann ein neuer Schuss und ein etwas tieferer Ton. Das mussten die reißenden Klaviersaiten sein. Eine Flamme schoss nach oben, als das Feuer das zerstörte Gemälde erreichte. Durch die Hitze zog die Leinwand sich erst zusammen, doch dann entfaltete sie sich wieder, und als hätte das Feuer den Dreck, die Feuchtigkeit, die Spinnweben, die Zeit und das Vergessen überwunden, kam plötzlich ein Porträt zum Vorschein.



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