Liebe ist die einzige Revolution by Gerald Hüther | Maik Hosang | Anselm Grün

Liebe ist die einzige Revolution by Gerald Hüther | Maik Hosang | Anselm Grün

Autor:Gerald Hüther | Maik Hosang | Anselm Grün
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau
veröffentlicht: 2017-03-12T16:00:00+00:00


Macht

Dies umfasst die Bedürfnisse und Emotionen, welche durch Dominanz und Unterwerfung beziehungsweise Führung und Disziplin komplexe soziale Strukturen organisieren. Gesellschaftlich realisiert sich dies insbesondere durch die Systeme von Politik und Recht, aber auch durch Status-, Dominanz- und Führungsstrukturen in allen Lebensbereichen. Es war ein wesentlicher Aspekt der Menschwerdung, dass die in Primatenhorden sehr ausgeprägten männlichen Dominanzemotionen durch die Emotionen der Liebe relativiert und als zentrale Organisationsqualität ersetzt wurden. Diese im besseren Sinne des Wortes sozialen Emotionen wirkten jedoch von Natur aus nur in unmittelbaren Sozialstrukturen wie Familien, kleinen Stammesgruppen oder überschaubaren Siedlungen ausreichend stark, um die gegenläufigen Dominanz-, Aggressions- und Unterwerfungsemotionen zu integrieren. Sobald größere und komplexere Gesellschaftsformen entstanden, wurde das Gefüge beider sozialen Qualitäten oft wieder umgekehrt, das heißt, die Emotionen der Dominanz wurden kulturell dominant und bestimmten die entscheidenden gesellschaftlichen Strukturen. Die Emotionalität der Liebe wurde auf Familienbeziehungen oder andere private Bereiche reduziert.

Dennoch gelang es Menschen und Gesellschaften immer wieder, aus der Intention mehr oder weniger bewusst kultivierter Liebe heraus menschliche Gegenbewegungen gegen vermachtete und oft auch entmenschlichte Gesellschaftsstrukturen zu initiieren und zumindest teilweise zu realisieren. Die heutigen modernen westlichen Gesellschaften verdanken ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Erfolge letztlich vor allem solchen »Revolutionen der Liebe«. Gleichwohl sind viele entscheidende Bereiche moderner Gesellschaften, insbesondere Politik und Wirtschaft und davon ausgehend teilweise auch Medien, Wissenschaften, Bildungs- und Sinnsysteme, mehr oder weniger stark von der Emotionalität der Dominanz, Konkurrenz und Unterwerfung durchdrungen.

Insofern komplexe Gesellschaften nie durch unmittelbare Kommunikation aller organisiert werden können und daher immer auch mittelbare Entscheidungs- und Führungsstrukturen benötigen, werden Momente von Dominanz und Konkurrenz dabei stets mitbeteiligt sein. Es ist jedoch ein entscheidender Unterschied, ob diese den Ton und die Art und Weise der Organisation bestimmen oder ob sie Mittler im Rahmen letztlich kooperativer und ko-kreativer Gesamtqualitäten sind.

Der Sozialphilosoph Michel Foucault schrieb daher, es gelte zu »begreifen, dass die Macht nicht im Staatsapparat lokalisiert ist und dass nichts in einer Gesellschaft verändert sein wird, wenn die Machtmechanismen, die außerhalb der Staatsapparate, unter ihnen, daneben, auf einem sehr viel niedrigeren, alltäglichen Niveau funktionieren, nicht verändert werden« (Foucault 1976:95).

Der Neurobiologe Umberto Maturana beschrieb das Problem ähnlich: »Unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten bestehen nicht, weil wir nicht über ausreichendes Wissen verfügen oder weil es uns an technischen Fähigkeiten mangelt; unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten sind das Ergebnis eines Mangels an Sensitivität …, eines Verlustes, den wir erleiden durch unser Eingebunden sein in die Konversationen der Inbesitznahme, der Macht, der Kontrolle über das Leben und über die Natur, die unsere patriarchale Kultur bestimmen« (­Maturana 1994:21 ff.).

Die auf grundlegende politische Änderungen abzielenden Gegenentwürfe der letzten Jahrhunderte waren entweder nur kulturell anders legitimierte Dominanz- und Unterwerfungsstrukturen wie der sogenannte Realsozialismus. Oder sie blieben erfolglos, weil sie versuchten, die im Menschen biologisch immer vorhandene Dominanzemotionalität zu verdrängen statt sie zu integrieren. Beispielhaft dafür stehen die vielen letztlich misslungenen Versuche von Basis- und Konsensdemokratie in der sogenannten Alternativbewegung.

Die Zukunft nicht nur der westlichen Gesellschaft, sondern auch von Mensch und Erde insgesamt wird in vieler Hinsicht vor allem davon abhängen, ob es gelingt, primär ko-kreative statt unterdrückende Formen politischer und davon abgeleitet wirtschaftlicher Organisation zu verwirklichen.



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