Die Ära der Ökologie by Radkau Joachim

Die Ära der Ökologie by Radkau Joachim

Autor:Radkau, Joachim [Radkau, Joachim]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783406619021
Herausgeber: C.H.Beck
veröffentlicht: 2015-05-04T16:00:00+00:00


Noch riesenhafter als die Wale: das Problem des Rechts auf den Weltmeeren. Von der ersten Nachkriegszeit bis heute besitzt der Kampf gegen illegalen Walfang, in einem größeren umweltpolitischen Kontext betrachtet, zwei Seiten: Er kann als Schlüssel zu einem der allergrößten Umweltprobleme der Gegenwart und noch mehr der Zukunft gelten, der Durchsetzung umweltverträglicher Regeln bei der Ausbeutung der Ressourcen der Weltmeere. Er kann jedoch bei monomanischer Fixierung auf die Wale – deren Existenz für das gesamte ozeanische Ökosystem, wie es bislang scheint, von sehr viel geringerer Bedeutung ist, als die Größe der Wale suggeriert[219] – von dem viel größeren Grundproblem ablenken und Befriedigung durch symbolische Siege verschaffen. Für Greenpeace war dieser Kampf bei aller Ausbeutung der Medieneffekte lediglich ein Schritt auf dem Wege zur Inangriffnahme des größeren Problems, ebenso wie 1995 die Aktion gegen «Brent Spar». Und bei dessen Lösung konnte man auf die Kooperation von Ländern wie Japan und Norwegen, die sich – wenn es nicht gerade um die Wale ging – für Fragen des Umweltschutzes im Prinzip aufgeschlossen zeigten, nicht gut verzichten.

Eine andere Konfliktszenerie, die bei der Geschichte des Umweltschutzes gewöhnlich außen vor bleibt, dürfte in diesem Zusammenhang noch wichtiger sein als der Kampf um den Walfang: der wiederholte «Kabeljaukrieg» zwischen Großbritannien und Island, als Island seine Hoheitsgewässer schrittweise ausdehnte und sich dabei auf die Reichweite seines submarinen Schelfsockels und die vitale Bedeutung des Kabeljaufangs für die eigene Wirtschaft berief. Als Island am 15. Oktober 1975 seine Hoheitsgewässer erneut ausdehnte – diesmal auf zweihundert Meilen –, verlegte es sich, dem Geist der Öko-Ära entsprechend, auf eine ökologische Argumentation: Der Schelf sei der Laichplatz der Fische, und nur die Kontrolle des Fischfangs auf dem isländischen Schelf durch den eigenen Staat könne den rapiden Schwund der Kabeljaubestände aufhalten. Das war angewandter Garrett Hardin: Nur durch exklusive Eigentumsrechte ist die «Tragödie der Allmende» zu stoppen; globale Gemeingüter, zu denen alle Zugang haben, werden zwangsläufig geplündert. Es war die Gegenposition zu Watson, der sein Recht, die Wale zu schützen, daraus ableitete, dass die Weltmeere der Menschheit gehörten. Aber Islands Beispiel machte damals Schule: «Die ganze Welt ging in Richtung Zweihundertmeilenzone» (Mark Kurlansky).[220] Selbst in den Augen des führenden britischen Naturschützers Max Nicholson war der britische Kabeljaukrieg eine Schande.[221] In dem UN-Seerechtsabkommen, das 1982 nach zehnjährigen Verhandlungen endlich unterschriftsreif wurde und das selbst Henry Kissinger, obwohl die USA nicht unterzeichneten, das bedeutendste Abkommen in der Menschheitsgeschichte nannte, wurden die Ozeane und ihre Ressourcen zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt.[222] Was diese Erklärung jedoch konkret bedeutet, ist bis heute offen. Die genossenschaftliche Nutzung einer Allmende hat in der Geschichte, soweit sich erkennen lässt, nur auf engem und übersichtlichem Raum funktioniert. Zwar gibt es zum Seerecht Schränke voll Literatur; aber selbst in Zeiten, wo die meisten Richter unter Überlastung stöhnen, haben die Seerichter nur wenig zu tun: Wo es keine Zeugen gibt, gibt es keine Kläger, und wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.



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