Wie kommt die Moral in den Kopf? by Klaus Wahl

Wie kommt die Moral in den Kopf? by Klaus Wahl

Autor:Klaus Wahl
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg


„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon“, sagt Gretchen zu Faust (Goethe 1869, S. 706). Hängen Moral und Religion nicht immer zusammen?

Die Frage nach dem Wie ist spätestens seit Max Webers (1904/05) Abhandlung Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ein Thema der Soziologie . Nach einer amerikanischen Repräsentativerhebung bewerteten religiöse Christen die Werte Seelenheil, Vergeben und Gehorsam höher, Vergnügen, Unabhängigkeit, Intellekt und Logik hingegen niedriger als wenig und nicht Religiöse (Rokeach 1969). Das Ausmaß an Religiosität kann indes nicht nur friedlich stimmen, sondern auch aggressiv: Eine Studie fand, dass größere Religiosität mit stärkerer moralischer Gewissheit einherging. Diese Gewissheit stärkte wiederum den Zusammenhang zwischen Religiosität und der Unterstützung für Kriege, vor allem von religiösen, weniger von geopolitischen Kriegen (Shaw et al. 2011). Es klingt etwas paradox dazu, aber es sind vor allem die Mütter, die ihren Kindern religiöse Werte vermitteln (Dudley und Dudley 1986).

Beispiel

In einem Experiment an der Universität Princeton wurden Theologiestudenten nach Tests zu ihrer Persönlichkeit und Religiosität zur Fortsetzung der Untersuchung einzeln in ein anderes Gebäude geschickt. Für den Weg dorthin wurden zwei Gruppen gebildet, auf die verschiedene Aufgaben im anderen Haus warteten: Einer Teilgruppe wurde angekündigt, dass sie dort über Berufsperspektiven reden sollte, einer anderen Teilgruppe, dass sie über die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter sprechen sollte, die sie vorher zu lesen bekam (Kurzinhalt: Religiöse Amtsträger lassen ein halbtotes Raubopfer am Straßenrand liegen, ein einfacher Mann hilft ihm dann aus Nächstenliebe; Lukas 10, 25–37). Auf dem Weg zwischen den beiden Gebäuden hatten die Forscher die biblische Situation nachgestellt und einen als zusammengesacktes, stöhnendes Opfer verkleideten Schauspieler platziert. Das Ergebnis: Insgesamt halfen ihm nur 40 % der Theologiestudenten. Es machte keinen Unterschied bei der Häufigkeit des Helfens, ob sie sich gerade mit der Geschichte vom Samariter beschäftigt hatten oder nicht. Die Arten ihrer Religiosität hingen nicht signifikant mit dem Grad der Hilfe zusammen (Darley und Batson 1973).

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter wurde also im Experiment bestätigt: Die Beschäftigung mit Theologie (in der Bibel der Priester, im Experiment die Studenten) muss nicht unbedingt zu moralischem Verhalten führen. Zudem sagte die Religiosität allein nicht das Hilfeverhalten voraus.



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