Transit by Seghers Anna

Transit by Seghers Anna

Autor:Seghers, Anna [Seghers, Anna]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 2013-08-29T00:00:00+00:00


IV

Ich setzte mich in die Brûleurs des Loups. Die Leute um mich herum waren alle in furchtbarer Aufregung, nur weil um die Mittagszeit ein Hakenkreuzauto die Cannebière hinuntergesaust war. Wahrscheinlich nur eine der Kommissionen, die mit den spanischen, italienischen Vichy-Agenten in einem der großen Hotels verhandelten. Die Menschen gebärdeten sich, als sei der Leibhaftige selbst die Cannebière hinuntergerasselt, als könnte er die verlorene Herde fangen in seinem Pferch aus Stacheldraht. Ich glaube, sie waren alle nahe daran, ins Meer hineinzulaufen, da ja zunächst keine Schiffe mehr fuhren.

Auf einmal sah ich in einem der Spiegel, die hier die Wände bedeckten, als wollte man das Durcheinander von Fratzen noch fratziger und verwickelter machen, Marie still hereinkommen. Ich sah gespannt ihre Suche mit an, das Abgehen aller Plätze, das Ablesen aller Gesichter. Und ich, der einzige Mensch, der wußte, daß ihre Suche zwecklos sei, ich wartete atemlos, daß sie an meinen Tisch treten müsse. Ich fühlte plötzlich, ich müsse jetzt dieser Suche ein Ende machen, ein für allemal. Ich fühlte schon die ganze Verheerung voraus, die ich jetzt gleich anrichten würde mit drei Worten verfluchter Wahrheit.

Da fiel ihr Blick auf mich, ihr bleiches Gesicht wurde frisch und rot, in ihren grauen Augen erglänzte ein warmes, gutes Licht, sie rief: »Ich suche dich seit Tagen.« Ich vergaß meinen Vorsatz. Ich ergriff ihre Hände. Ihr kleines Gesicht war der einzige Ort auf Erden, wo es für mich noch Frieden gab. Ja, Frieden und Ruhe legten sich augenblicklich auf mein gejagtes Herz, als säßen wir miteinander auf einer Wiese in unserer Heimat und nicht in diesem verrückten Hafencafé, dessen Wände das Zappeln und Grauen der Flüchtlinge spiegelten.

Sie sagte: »Wohin warst du denn verschwunden? Nun sag mir, du hast wohl noch keine Antwort von deinen Freunden da auf den Konsulaten?«

Meine Freude verging fast. Ich dachte: Darum sucht sie mich! Genau wie den Toten! Ich sagte: »Nein. So schnell kommt keine Antwort.« Sie seufzte auf. Ich konnte aus dem Ausdruck ihres Gesichtes nicht klug werden. Es sah fast aus wie Erleichterung. Sie sagte: »Wir wollen jetzt ruhig beieinandersitzen. Wir wollen uns stellen, als gäbe es keine Abfahrt, keine Schiffe, keinen Abschied.«

Zu diesem Spiel war ich leicht zu haben. Wir saßen vielleicht eine Stunde zusammen so schweigsam, als hätten wir später viel Zeit, unermeßlich viel Zeit zum Wortemachen, einträchtig, als könnte uns nichts mehr trennen. Mir wenigstens war es so zumut. Ich wunderte mich nicht einmal, wie fügsam sie mir ihre Hände ließ, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt – oder vollständig belanglos, wer jetzt ihre Hände noch halte. Sie sprang plötzlich auf. Ich fuhr zusammen. Auf ihrem Gesicht lag der sonderbare, unklare, etwas spöttische Ausdruck, der immer darauf entstand, wenn sie an den Arzt dachte. Ich spürte schon die wilde Jagd, die über mich einbrechen, die mich mitreißen würde, sobald sie mich zurückließ.

Doch blieb ich auch nachher noch ziemlich ruhig. Noch sind wir in einer Stadt, dachte ich, noch schlafen wir unter demselben Himmel, noch ist alles möglich.



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