Lord Jim. Roman by Joseph Conrad

Lord Jim. Roman by Joseph Conrad

Autor:Joseph Conrad [Conrad, Joseph]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783104028491
Herausgeber: FISCHER E-Books
veröffentlicht: 2015-06-28T00:00:00+00:00


So halt’ ich’s endlich denn in meinen Händen

Und nenn’ es in gewissem Sinne mein.‹

Dem letzten Wort verlieh er noch Nachdruck durch ein plötzliches Absenken der Stimme und wandte ganz langsam den Blick von meinem Antlitz ab. Schweigend, geschäftig machte er sich daran, eine langstielige Pfeife zu stopfen, dann, mit dem Daumen auf der Öffnung des Kopfes, blickte er mich wiederum bedeutsam an.

›Ja, mein guter Freund. An dem Tag hatte ich alles, was ich mir nur wünschen konnte; ich hatte mich gegen meinen ärgsten Feind behauptet; ich war jung, ich war stark; ich hatte Freundschaft, ich hatte die Liebe einer Frau, ich hatte ein Kind; von all dem ging mir das Herz über – und selbst wovon ich einmal im Schlaf geträumt hatte, hielt ich nun in meiner Hand!‹

Er riss ein Streichholz an, das heftig aufflammte. Sein friedliches, nachdenkliches Gesicht zuckte ein einziges Mal.

›Freund, Frau, Kind‹, sagte er langsam, blickte auf die kleine Flamme – ›pfft!‹ Er blies das Streichholz aus. Mit einem Seufzer wandte er sich wieder dem Glaskasten zu. Die prachtvollen zerbrechlichen Flügel bebten ein wenig, als habe sein Atem einen Augenblick lang dieses wunderbare Objekt seiner Träume wieder zum Leben erweckt.

›Die Arbeit‹, sprach er plötzlich, zeigte auf all die Papierstreifen und fuhr in seinem sanften und heiteren Tonfall fort, ›geht gut voran. Ich war eben dabei, dies seltene Stück zu beschreiben … Na! Und was bringen Sie an guten Nachrichten?‹

›Um die Wahrheit zu sagen, Stein‹, sagte ich und staunte selbst, wie schwer es mir fiel, ›ich bin hergekommen, um Ihnen ein Exemplar zu beschreiben …‹

›Einen Schmetterling?‹, fragte er mit ungläubigem, übermütigem Eifer.

›Nichts so Vollkommenes‹, sagte ich, plötzlich entmutigt durch alle erdenklichen Skrupel. ›Einen Menschen.‹

›Ach so!‹, brummte er, und das lächelnde Gesicht, mit dem er mich ansah, wurde ernst. Und nachdem er mich eine Zeitlang betrachtet hatte, sagte er nachdenklich: ›Na – ich bin ja selbst auch ein Mensch.‹

Da habt ihr ihn, so wie er war. Er konnte so großzügig in seiner Ermunterung sein, dass ein zaghafter Mensch zögerte, ihm etwas anzuvertrauen; aber wenn ich damals zögerte, dann nicht für lange.

Er ließ mich reden, saß mit übereinandergeschlagenen Beinen da. Manchmal verschwand sein Kopf ganz in einer großen Rauchwolke, und ein anteilnehmender Laut kam aus jener Wolke. Als ich zu Ende erzählt hatte, schlug er das Bein zurück, legte die Pfeife beiseite und beugte sich eindringlich zu mir vor, die Ellenbogen auf die Sessellehnen gestützt, Fingerspitzen aneinandergelegt.

›Verstehe sehr gut. Er ist romantisch.‹

Er hatte den Fall für mich diagnostiziert, und anfangs war ich verblüfft, wie einfach seine Erklärung war; und tatsächlich hatte unsere Unterhaltung so viel von einem Arztbesuch – Stein, das Bild eines Gelehrten, saß im Lehnstuhl hinter seinem Schreibtisch, ich, beklommen, auf einem zweiten ihm gegenüber, doch in einem leicht schrägen Winkel –, dass es nur natürlich schien zu fragen:

›Und was nimmt man dagegen?‹

Er hob einen langen Zeigefinger.

›Es gibt nur eine einzige Medizin! Nur eines kann uns von uns selbst kurieren.‹ Der Finger pochte mit einem kurzen Schlag auf den Tisch. Der Fall, der in seiner Sicht schon so



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