Jacobsen, Jens Peter: Sechs Novellen by Jacobsen

Jacobsen, Jens Peter: Sechs Novellen by Jacobsen

Autor:Jacobsen [Jacobsen]
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Novellen
Herausgeber: Gustav Kiepenheuer 1912
veröffentlicht: 2010-12-20T23:00:00+00:00


Zwei oder drei Tage später stand Henning vormittags mit Flinte und Jagdtasche im Garten. Wie er noch so dastand, kam Niels Bryde geritten, ebenfalls zur Jagd ausgerüstet, und obgleich beide sehr wenig voneinander hielten, sprachen sie sich doch freundlich an und schienen sehr entzückt, daß es sich so glücklich traf und sie den Ausflug miteinander machen konnten. Sie gingen also zusammen zur »Rönne«, eine ziemlich große, heidebewachsene, niedere und flache Insel draußen an der Fjordmündung. Diese Insel war im Herbst viel von Seehunden besucht, welche sich auf den niederen Sandbänken wälzten, die vom Strand aus ins Wasser schossen, oder sie auf dem großen Gerölle schliefen, das an der Landung lag. Und diesen Seehunden galt die Jagd. Als sie die Stelle erreicht hatten, ging jeder seinen eigenen Weg am Wasser entlang. Das graue neblige Wetter hatte viele Seehunde hereingelockt, und sie hörten einander gleichmäßig schießen. Später nahm der Nebel zu, und um die Mittagszeit lag er so dick über Insel und Fjord, daß es auf zwanzig Schritt Abstand nicht möglich war. Steine und Seehunde voneinander zu unterscheiden.

Henning setzte sich am Strande nieder und starrte in den Nebel hinein. Alles war still, nur ein leises, plätscherndes Geräusch vom Wasser und das ängstliche Pfeifen eines einsamen Strandläufers tauchten zuweilen aus der schweren, drückenden Ruhe auf.

Er war all dieser Gedanken müde, müde des Hoffens, müde des Hassens, krank vom Träumen. Hier still sitzen und schläfrig vor sich hinstarren, sich die Welt wie etwas vorstellen, das weit in der Ferne lag, wie etwas, das überstanden war, hier still sitzen und die Stunden einer nach der anderen hinsterben lassen, – das war Frieden, das war beinahe Seligkeit. Da klang ein Lied durch den Nebel, glücklich und jubelnd:

Im Mai da führ ich heim die Braut,

Eine Rose rot, eine Lilie traut,

He, Spielmann, spiel!

Dann soll der Wald sich schmücken grün,

Im Feld soll Blum' an Blume stehn,

Der Vollmond soll die Welt durchziehn,

Die Sonn' will strahlend heiß ich sehn.

Der Kuckuck ruft hinaus ins Land,

Daß ich mein goldnes Glück nun fand,

Doch die Sorge, die bleibt fein zu Haus.

Das war Niels Brydes klare Stimme. Henning sprang auf; wie ein Blitz schlug der Haß bei ihm ein; sein Auge brannte, er lachte heiser, dann legte er die Flinte an die Wange,

»Doch die Sorge, die bleibt sein zu Haus«

klang es noch einmal; er zielte nach dem Ton im Nebel, die letzten Worte erstarben im Knall – dann war alles still wie zuvor.

Henning mußte sich auf die rauchende Flinte stützen, er hielt den Atem an und horchte – nein, Gott sei Dank! es war nur das Plätschern des Wassers und der ferne Schrei aufgeschreckter Möven. – Doch! da drinnen im Nebel jammerte etwas. Er warf sich auf die Erde, drückte das Gesicht ins Heidekraut und hielt sich die Ohrm zu. Deutlich sah er das verzerrte Gesicht, die krampfhaften Zuckungen der Glieder und das rote Blut, das unaufhaltsam aus der Brust strömte, Strom auf Strom, das bei jedem Herzschlag hervorbrach – es ergoß sich auf das braune Heidekraut, floß an den Blättern und Stengeln herab und sickerte zwischen den schwarzen Wurzeln ein.



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