Berliner Reigen. Roman by Arthur R. G. Solmssen

Berliner Reigen. Roman by Arthur R. G. Solmssen

Autor:Arthur R. G. Solmssen [Solmssen, Arthur R. G.]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783105612057
Herausgeber: FISCHER Digital
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


»Eines steht fest«, verkündete Dr. von Winterfeldt. Er hatte schließlich aufgehört herumzugehen und starrte zum Fenster hinaus. »Gelangt ein Verbrechen tatsächlich zur Ausführung, haben die Personen, die von einem solchen Verbrechen Kenntnis hatten und diese Kenntnis den Behörden vorenthielten, sich gleichfalls eines Verbrechens schuldig gemacht. So lautet das Gesetz. So lautet es seit jeher. Und es ist meine geschworene Pflicht, für die Einhaltung des Gesetzes zu sorgen, und ich kann es keinem Mitglied meiner Familie erlauben, sich in eine Straftat zu verwickeln.«

Pause. Dr. von Winterfeldt ließ sein Monokel geziert auf die Handfläche fallen und begann es mit seinem Taschentuch zu putzen, starrte dabei noch immer aus dem Fenster. »Wie dem auch sei! Haben wir Kenntnis von einem Verbrechen? Was für Kenntnisse? Was für ein Verbrechen? Ein Bruder des Mannes, der Erzberger ermordet hat, taucht in Berlin auf. Er kauft ein Automobil. Er sucht eine Unterkunft für zwei Freunde. Alle drei gehörten zu Ehrhardts Marinebrigade, die vor zwei Jahren aufgelöst wurde. Kaspar Keith hört von einer Geheimmission.« Er wandte sich uns zu, klemmte geziert das Monokel ins Auge. »Sind das die harten Fakten, die wir kennen?«

»Ja, Sir«, erwiderte ich.

»Und was ist das übrige?« fragte Dr. von Winterfeldt. »Das übrige ist Christophs Vermutung, oder? Organisation Consul? In gut unterrichteten Kreisen hören wir viel über die O. C. Aber ist irgend etwas davon mehr als ein Gerücht? Irgendwelche Verhaftungen? Irgendwelche Dokumente? Irgendwelche Gerichtsbeschlüsse?«

»Nur ein Haufen Leichen«, sagte Helena.

»Aber das reicht nicht, mein liebes Mädchen. Die wirkliche Frage lautet: Kann die Polizei diesen Leutnant Tillessen und seine Freunde auf Grund der Informationen, die du mir gegeben hast, verhaften? Und die Antwort heißt nein.«

Er fing wieder an, mit auf dem Rücken gefalteten Händen auf und ab zu gehen. Als mich Helena vorstellte, war er höflich, aber sehr frostig gewesen, das was die Deutschen »korrekt« nennen. Noch einer von ihren Männern, war die erste Reaktion, die ich auf seinem Gesicht las. Warum ließe sich ein Amerikaner wohl sonst in diese Situation verstricken? Anschließend mochte er für einen Moment Leutnant Tillessens Verdacht geteilt haben, doch als wir mit unserer Geschichte zu Ende gekommen waren, hatte er einen anderen, richtigen Schluß gezogen: ein harmloser Ausländer, ein Fremder in einem fremden Land, der bis über den Kopf hineingerät.

»Trotz der Tatsache, daß keine Gründe für eine Festnahme vorliegen – zumindest kennen wir keine ausreichenden Gründe für eine Festnahme – empfiehlt es die Klugheit, jemanden zu unterrichten. Ja, wir müssen jemanden unterrichten«, sagte Dr. von Winterfeldt.

»Das Opfer müssen Sie nicht unterrichten«, sagte Helena. »Das ist bereits geschehen.«

Wir fuhren beide herum. »Was hast du gesagt?« flüsterte Dr. von Winterfeldt.

»Ich habe Walther Rathenau alles erzählt, was wir Ihnen eben erzählt haben. Gestern abend habe ich ihn in seinem Haus aufgesucht. Sie kommen nie darauf, wen er zum Abendessen zu Gast hatte: Dr. Helfferich und noch einen Mann von der Nationalen Partei. Ich glaube, mein Erscheinen überraschte sie ziemlich.«

Dr. von Winterfeldt war skeptisch. »Rathenau aß mit Helfferich zu Abend? Helena, es fällt mir etwas schwer, das –«

»Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.



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