Barrakuda by Christos Tsiolkas

Barrakuda by Christos Tsiolkas

Autor:Christos Tsiolkas [Tsiolkas, Christos]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 2014-06-10T04:00:00+00:00


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AUSATMEN

ICH MUSS WIEDER ATMEN LERNEN.

Ich stehe unter der riesigen Sumpfeiche, die ihren Schatten auf Frank Tormas Haus wirft. Ich zwinge meinen Körper, die Angst auszuschalten. Der Stein in meiner Hand ist glatt wie Glas. Der Griff meiner Hand ist kräftig. Der Stein ist glatt wie Glas, aber uralt und unzerstörbar.

Ich muss wieder atmen lernen, weil Frank Torma mich beobachtet – ich weiß, dass er mich ständig beobachtet. Er beobachtet mich beim Schwimmen, aber er beobachtet mich auch dabei, wie ich zur Umkleide gehe, wie ich mich ausziehe, wie ich meine Sporttasche über der Schulter trage. Er registriert alles, was ich mache – und alles, was ich mache, mache ich falsch.

»Steh nicht so krumm«, bellt er und kommt von hinten heran, legt mir eine Hand auf den unteren Rücken und drückt mir die andere in den Bauch, sodass ich mich aufrichte. »Seit wann stehst du so krumm?«, brüllt er. »Seit wann, sag schon, seit wann?«

Ich antworte nicht. Er muss es doch wissen, er muss doch wissen, welche Last ich trage. Ich straffe die Schultern, ich zwinge mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich atme ein, versuche, mir nicht bewusst zu machen, wie meine Lunge arbeitet, wie mein Körper vorwärtsdrängt. Aber ich atme zu früh, ich komme aus dem Rhythmus. Selbst etwas so Simples wie das Gehen macht mir Angst. Ich traue der Maschine nicht mehr, die mein Körper ist.

Ich muss wieder atmen lernen.

Nebel treibt auf dem Fluss, die Stadt wirkt geisterhaft durch die blauen und grauen Schleier. Durch die Glastür sehe ich die Angestellten im Eingangsbereich, eine Putzfrau mit Eimer und Wischlappen. Ich bin der Erste am Hallenbad, ich stehe draußen, hüpfe erst auf einem Fuß, dann auf dem anderen, puste mir in die Hände, reibe sie aneinander, um sie zu wärmen. Eine der Frauen drinnen erbarmt sich, kommt an die Tür und betätigt einen Schalter, obwohl es noch nicht sechs ist. Die Tür gleitet auf.

»Danke, Sonia.«

Sie nickt knapp, überzeugt sich, dass ich ihren Ärger bemerkt habe, doch dann ruft sie über die Schulter zurück: »Die Heizung in der Umkleide ist eben erst angegangen, Junge. Es ist noch eiskalt da drin.«

Allerdings, es ist, als gehe man in einen eisigen Dunst hinein, der direkt vom Südpol kommt. Aber ich ziehe mich aus, schlüpfe in meine Speedos, hänge mir die Schwimmerbrille um den Hals und laufe zum Pool. Ich springe ins Wasser.

Das stimmt nicht ganz: Ein Moment ist dazwischen, eine Pause. Ich zögere und springe dann ins Wasser.

Dieses Zögern ist immer da, es ist die Last auf meinem Rücken. Es bleibt auch, wenn ich eine Bahn beende und die nächste beginne. Das Wasser spürt es und weicht nicht vor mir zurück. Ich habe meine Muskeln bearbeitet, ich habe sie modelliert, sie sind geschmeidig, sie sind stark. Alles ist in Ordnung, alles ist in Form. Aber das Wasser gibt nicht nach, das Wasser setzt mir Widerstand entgegen, drückt gegen mich. Nach hundert Metern muss ich nach Luft schnappen.

Als der Rest der Mannschaft kommt, darunter auch Wilco, trete ich am östlichen Ende des Beckens Wasser.



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