Russland im Zangengriff by Peter Scholl-Latour

Russland im Zangengriff by Peter Scholl-Latour

Autor:Peter Scholl-Latour [Scholl-Latour, Peter]
Die sprache: deu
Format: epub, azw3, mobi
veröffentlicht: 2014-05-21T16:00:00+00:00


Illusionen des Euro-Islam

Kazan, im März 2006

Heute schmückt kein Halbmond mehr die rot-grüne Fahne der Autonomen Republik Tatarstan. Das Totemtier dieses Mini-Staates an der Wolga ist der Schneeleopard, und er hält – wie man mir erklärt hat – die Tatze nicht bedrohlich hoch, sondern hat sie zum versöhnlichen Gruß oder als Zeichen der Unterwerfung nach unten gesenkt. Nicht Ministerpräsident Sabirow ist mehr der politische Mentor; er ist pensioniert, abgesetzt, vielleicht auch tot. Von einer Erschließung tatarischer Erdölvorkommen durch amerikanische Energiekonzerne kann nicht mehr die Rede sein, und die Propaganda für ungehemmten wirtschaftlichen Liberalismus findet bei der Bevölkerung keinen Widerhall.

Hinter den Kremlmauern von Kazan werden die Regierungsgeschäfte heute von Präsident Mintimer Schamijew wahrgenommen, der aus der kommunistischen Nomenklatura hervorgegangen ist, aber sich in der Stunde der nationalen und religiösen Emanzipation ebenso mühelos auf die tatarische Eigenart umstellte wie all jene postsowjetischen Potentaten, die heute als Staatschefs in den GUS-Staaten Zentralasiens ihre Macht ausüben. In langwierigen Verhandlungen haben die Behörden von Kazan immerhin vor vier Jahren erreicht, daß sie Regionalsteuern erheben, einen Teil ihrer Rohstoffe selbst vermarkten dürfen und weitgehende Selbstverwaltung genießen. Weiter kann und will Wladimir Putin mit Rücksicht auf die angespannte Lage im Kaukasus offenbar nicht gehen.

Der 61jährige Präsident Schamijew hat erkannt, daß er besser fährt, wenn er sich auf die dominierende Partei »Einiges Rußland«, die Partei Putins ausrichtet. Die chaotischen Reformexperimente Gorbatschows und Jelzins haben auch in Kazan einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Die Fortsetzung »ultrakapitalistischer Schocktherapien« wird resolut verworfen. »Wir hatten geglaubt, daß das Wirken des freien Marktes alle Probleme lösen könne«, so klingt es in offiziellen Erklärungen; »aber Tatarstan hat schnell begriffen, daß jede Wirtschaft der staatlichen Aufsicht bedarf, wenn sie im Dienste der Menschen stehen will.«

Die interessante Persönlichkeit dieser von Unwägbarkeiten belauerten Wolga-Republik ist zweifellos Dr. Rafael Chakimow, der als »Staatlicher Berater« des Präsidenten für politische Angelegenheiten und als Direktor des Historischen Instituts eine Schlüsselstellung einnimmt. In seinem komfortablen Amtssitz im Präsidialgebäude führen wir ein langes Gespräch, das mit politischen Status-Fragen beginnt und sehr bald auf eine theologische Exegese der islamischen »Jadidiya« sowie der Begriffe »Taqlid« und »Ijtihad« überleitet. Chakimow dürfte etwa vierzig Jahre alt sein.

Er gilt als der brillanteste Intellektuelle von Kazan. Dem Aussehen nach könnte er Südeuropäer sein, und sein Auftreten wirkt – trotz des kurzgeschnittenen Bartes – absolut westlich.

Gleich zu Beginn schildert Chakimow den delikaten Balance-Akt, zu dem seine Republik und deren Präsident gezwungen seien, da Tatarstan nicht am Rande, sondern in der Mitte Rußlands gelegen sei und neben fünfzig Prozent Tataren auch 45 Prozent Russen auf seinem Territorium leben. »Die Frage, ob Rußland auseinanderbricht oder gar in eine Diktatur zurückfällt, wird in Moskau entschieden und nicht bei uns«, betont er. Der »Berater« ist unermüdlich bestrebt, sein Land international aufzuwerten. So erwähnt er eine Tagung der GUS-Staaten, die in Kazan stattfand, sowie die zahlreichen Auslandsreisen, die führende Politiker in die Hauptstädte Europas und Asiens unternehmen. Besonderen Wert legt er auf eine maßgebliche Rolle Tatarstans innerhalb der russischen Delegation bei den Tagungen des Europarats. Seit Juni 2005 nimmt Kazan auch an den Aktivitäten der »Konferenz islamischer Staaten« teil.



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