PLÖTZLICH PAKISTAN - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt by Hasnain Kazim

PLÖTZLICH PAKISTAN - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt by Hasnain Kazim

Autor:Hasnain Kazim [Kazim, Hasnain]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783423426657
Herausgeber: Deutscher Taschenbuch Verlag
veröffentlicht: 2015-08-20T16:00:00+00:00


Die Radikalisierung

Das Böse hatte in den Siebzigerjahren Besitz ergriffen von Pakistan. Ich erlebte es selbst, als ich Mitte der Achtziger Onkel Mustafa, den ältesten Bruder meines Vaters, zum Einkaufen auf einen Basar in Karatschi begleitete und wir in eine Menschenmenge gerieten. Immer mehr Leute strömten in dieselbe Richtung, irgendetwas war da los, was ihre – und natürlich auch meine – Neugier weckte.

»Komm, wir kehren um«, sagte Onkel Mustafa.

Ich war enttäuscht. Ich wollte sehen, was da passierte.

»Was ist da los?«, fragte ich.

Er schwieg.

Es wurden immer mehr Menschen, die meisten hatten ernste Gesichter. Ich wurde immer neugieriger.

Plötzlich griff Onkel Mustafa mich am Arm und zog mich in die entgegengesetzte Richtung. Ich war überrascht über seine Heftigkeit, denn ich kannte ihn ja nur von wenigen Verwandtschaftsbesuchen, also kaum. Außerdem war ich schon neun Jahre alt. Er behandelte mich wie ein kleines Kind.

»Komm, komm, gehen wir!«, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Er zerrte mich in seinen Suzuki-Minibus, und wir fuhren nach Hause.

Später hörte ich aus dem Gemurmel der Erwachsenen heraus, dass dort, wo wir den Einkauf erledigen wollten, eine öffentliche Auspeitschung stattfinden sollte.

Was ist das für eine grausame Bestrafung! Und warum wollen Menschen sich das auch noch ansehen?

Über das Thema wurde nicht wieder geredet, wir Kinder sollten nicht beunruhigt werden. Ich habe diese Episode jedoch nie vergessen.

Es war das Pakistan des Militärdiktators Zia-ul-Haq. Damals war das Wort Taliban im Westen noch kein Begriff, aber genau das war er: ein Talib in Uniform, ein Extremist im Präsidentenamt. Zia-ul-Haq hatte sich zum Ziel gesetzt, Pakistan zu einem Gottesstaat zu formen.

Ul-Haq war General der pakistanischen Armee und entstammte einer sehr religiösen Familie. Er war bekannt dafür, die täglichen fünf Gebete einzuhalten und, anders als viele andere Generäle, keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Zulfikar Ali Bhutto hatte ihn, vorbei an dienstgradhöheren Generälen, zum Armeechef befördert, weil er glaubte, ein so frommer Mann würde keine eigenen politischen Ambitionen hegen und keine Bedrohung für ihn darstellen.

Aber er täuschte sich: Ul-Haq putschte sich 1977 an die Macht und ließ Bhutto einsperren. Weil er wusste, dass Bhutto eine Gefahr für ihn bleiben würde, solange er am Leben war, ließ er ihn wegen eines angeblichen Mordes zum Tode verurteilen und 1979 trotz internationaler Proteste hängen. Im selben Jahr führte ul-Haq die sogenannten Hudood-Verordnungen ein, die Teile des Strafrechts islamisierten. Sie sahen Auspeitschungen für verschiedene Vergehen, Amputationen von Händen bei Diebstahl und Steinigungen bei Ehebruch vor. Die verheerendsten Folgen hatte das Gesetz, das Vergewaltigungen betraf. Fortan musste eine Frau, die vergewaltigt worden war, vier männliche Zeugen benennen. Das war eine geradezu unmögliche Forderung. Beschuldigte sie jemanden der Vergewaltigung, konnte aber keine vier Zeugen beibringen, lief sie Gefahr, wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs selbst zur Angeklagten zu werden.

Die Welt sah über diese furchterregende Entwicklung hinweg. Ihr Blick war auf Afghanistan gerichtet, wo die Sowjetunion einmarschiert war. Russische Panzerkolonnen donnerten am 26. Dezember 1979 die vierhundert Kilometer lange Strecke von der Grenze bei Termez bis nach Kabul. Nach nur einer Woche hatten fünf sowjetische Divisionen – rund vierzigtausend Rotarmisten – das Land unter Kontrolle. Später sollten insgesamt einhundertvierzigtausend sowjetische Soldaten in Afghanistan kämpfen.



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