Die Schicksalsgabe by Barbara Wood

Die Schicksalsgabe by Barbara Wood

Autor:Barbara Wood [Wood, Barbara]
Die sprache: deu
Format: mobi, epub
ISBN: 9783104021140
Herausgeber: Fischer E-Books
veröffentlicht: 2012-07-04T22:00:00+00:00


23

Ulrika träumte von Sebastianus.

Er befand sich in einer vom Wind umtosten Landschaft, zu einer Seite begrenzt von einem aufgewühlten Ozean, zur anderen von steilen Klippen und schroffen Felsen. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, schien er einen Altar aus Muscheln und Feuer zu bauen. Seine angespannten Muskeln glänzten im Sonnenlicht. Ulrika wollte sich durch Rufen bemerkbar machen und auf ihn zugehen, als sie sah, dass Sebastianus auf den Altar stieg, der sich in einen mehrfach unterteilten goldgleißenden Turm verwandelt hatte. Er schien zu versuchen, nach den Sternen zu greifen, nach Antworten zu suchen, die nur in den Himmelskörpern des Kosmos zu finden waren.

Auch dass an der Spitze des Turms ein Feuer wütete, sah Ulrika – ein Flächenbrand, der Sebastianus verschlingen würde, sobald er oben angekommen war. Sie schrie, so laut sie konnte, um ihn davon abzuhalten, noch höher zu steigen.

Du kannst ihn nicht retten, raunte es um sie herum, im Wind, in den Wolken. Die Stimme einer Frau. Gaia …

Ulrika schlug keuchend die Augen auf. Ihr Herz raste, feiner Schweiß überzog ihren Körper. Im schwachen Licht der verborgenen Hütte sah sie, dass das Mädchen noch immer unter ihren Decken aus weichem Rehleder schlief. Von draußen vernahm sie schwere Schritte, die auf und ab gingen. Ihr Entführer, der Wache hielt.

Ulrika dachte über ihren Traum nach. In den ungezählten Tagen ihrer einsamen Wanderschaft durch Persien hatte sie ihr allabendliches Ritual, mit Sebastianus zu sprechen, beibehalten. Jeweils vor dem Einschlafen hatte sie die Kammmuschel zärtlich und beschützend in beide Hände genommen und mit geschlossenen Augen Sebastianus aufmunternde und liebevolle Worte zugeflüstert, um im Geiste ihre Botschaft über viele, viele Meilen zu schicken, in der Hoffnung, dass er sie erhalten würde. Dies tat sie auch jetzt, zusammen mit dem innigen Wunsch, ihr Liebster möge wohlauf sein und sein Ziel erreichen.

Bei Einbruch der Dämmerung brachte der Fremde Fisch, der, auch wenn er roh verspeist werden musste, der völlig ausgehungerten Ulrika geradezu wie ein Festmahl vorkam, das sie umso mehr genoss, nachdem sie erleichtert festgestellt hatte, dass das Fieber bei Veeda bereits zurückgegangen und ihr Atemrhythmus gleichmäßiger geworden war.

Während des Essens schwiegen sie. Hin und wieder hielt der Fremde inne und lauschte in die hereinbrechende Nacht. Aus Erfahrung, dass man, sobald man auf Glaubensfragen zu sprechen kam, den anderen durchaus dazu bringen konnte, sich zu öffnen, fasste sich Ulrika schließlich ein Herz und fragte ihn nach dem elfenbeinernen Horn, das mit heiliger Asche gefüllt war.

»Unsere Kultstätten sind Feuertempel«, sagte er und zupfte sich ein Stück aus dem Fisch. Mit auffallend feingliedrigen Händen. Wie die Hände einer Frau, befand Ulrika. Erneut musste sie ihr Urteil über ihn revidieren – der ungehobelte Mann der Berge erschien nun um einiges kultivierter.

»Wir verehren nicht das Feuer selbst«, sagte er leise mit Blick auf das schlafende Mädchen, »sondern vielmehr die rituelle Reinheit, die es symbolisiert. Unser Glaube wurde durch den Propheten Zarathustra begründet, in seinem Kampf gegen den Bilderkult, den die Babylonier vor langer Zeit in unser Land gebracht hatten. Abbildungen jeglicher Art lehnen wir ab. Wir verehren den freien Himmel, steigen auf Hügel, um unsere Feuer zu entzünden, auf dass Ahura Mazda, der unerschaffene Gott, sie sieht.



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