Eisblut by Marina Heib

Eisblut by Marina Heib

Autor:Marina Heib [Heib, Marina]
Die sprache: deu
Format: azw3, mobi, epub
ISBN: 9783492959940
Herausgeber: Piper ebooks
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


Es war ein klassischer Novembertag, an dem Uta Bergers Beerdigung stattfand, ein Tag der Raben. Der Ohlsdorfer Friedhof präsentierte sich in berückend melancholischer Herbst-Tristesse. Flammendrot, tieforange und ocker blätterte die Farbe von den Bäumen, ein seit Tagen anhaltender Sprühregen hatte die Erde aufgeweicht, die ihren schweren Duft verströmte.

Als Christian aus dem Taxi stieg und zur Kapelle ging, hob er das Gesicht gen Himmel und genoss die Feuchtigkeit, die sich sanft wie ein Schmetterlingsflügel auf seiner Haut niederließ. Im hektischen Getriebe einer Großstadt wird das Wetter von den Menschen selten als lebendiges Phänomen wahrgenommen, es steht nicht im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern nur an einer Randzone aus beiläufigen Bemerkungen und Bewertungen. Entweder ist es zu kalt, zu heiß, zu feucht, zu trocken oder zu windig. Das Bezugssystem scheint ein Gitternetz aus Funktionalität und Subjektivität zu sein: Wie passt das Wetter zur eigenen Kleidung, dem momentanen Wohlbefinden, der Dienstreise oder dem geplanten Freizeitvergnügen? Ein größerer Zusammenhang, wie ihn etwa der Landwirt in seiner existenziellen Abhängigkeit von der Natur im Auge hat, ist dem Stadtmenschen nicht präsent. Und so entgeht ihm Sinnlichkeit und Schönheit, so entgeht ihm das Seidige leichter Sonneneinstrahlung, das zärtliche Streicheln eines Windhauchs, der Geschmack von frischem Schnee, die unaufhaltsame Eindringlichkeit von Hitze, die verblüffende Abwesenheit von Geruch in eiskalter Luft, das sanfte Stakkato prasselnden Regens auf einem Blätterdach, die Poesie eines einzelnen glitzernden Wassertropfens auf leicht gebräunter Haut, der überraschende Prankenschlag einer Sturmböe, die Tiefe von Blau und das Dunkel der Dunkelheit.

Christian, der nach Möglichkeit zu Fuß ging, liebte diese wenigen Momente, in denen er die Aufmerksamkeit von dem inneren Kreiseln in seinem Kopf abzog und mit der Haut, der äußeren Begrenzung seines Körpers, Kontakt aufnahm zu dem Draußen, dem allumfassenden Großen, dem Meer des Seins und Seienden, von dem er ein Teil war, und in diesen Bruchteilen von bewussten Sekunden, und nur in diesen, durchströmte ihn ein Gefühl von Glück. Ein Glück, das nicht recht zu passen schien zu diesem Anlass.

Bevor er die Tür zur Feierhalle B im stillgelegten Krematorium öffnete, fuhr er sich mit den Fingern durch die nassen Haare, strich sie nach hinten und legte den Kragen seiner Jacke wieder nach unten. Die Kapelle, die trotz ihrer Enge aufgrund der in einem großen Spitzbogen nach oben zulaufenden Architektur kathedral wirkte, war leer. Christian war zu spät gekommen. Ein Kirchendiener, der die Kerzen mit einem langen Eisenstab löschte, wies ihm den Weg Richtung Westring, den der Trauerzug schon vor einer knappen halben Stunde zum Grab genommen hatte. Christian musste sich beeilen.

Die Trauergemeinde stand vor dem offenen Erdloch, in das gerade der Sarg hinuntergelassen wurde. Dichtgedrängt standen sie, als könne ihnen die Enge Wärme und Trost spenden, etwa fünfundzwanzig Menschen, alle in Schwarz gekleidet, unter einem dunklen Dach aus aufgespannten, schwarzen Regenschirmen. Ganz vorne befand sich Manuela zwischen Lars und einem hochgewachsenen, braungebrannten Mann. Wohl Utas Vater, der zur Beerdigung angereist war, mutmaßte Christian, und ein unwohles Gefühl überkam ihn. Er blieb auf Abstand, sah sich um und entdeckte Pete etwas abseits neben einer Ulme. Ohne die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zu lenken, ging er zu ihm.



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