Der Kopf by Heinrich Mann

Der Kopf by Heinrich Mann

Autor:Heinrich Mann [Mann, Heinrich]
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Roman
Herausgeber: Paul Zsolnay Verlag
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


Er war nicht überrascht, nach den nationalen Hochgefühlen der Reichstagssitzung bei seiner Fraktion einem leichten Rückschlag zu begegnen. Man entsann sich halbwegs der vergessenen Tatsachen; der an die Wand gemalte Krieg mit England war nicht sogleich wieder wegzuwischen und erregte den Ernüchterten Unbehagen.

Kein grundloses; denn was geschah? Dieses England verriet alsbald, daß es das Bündnis uns keineswegs aus wahrer Liebe angetragen hatte. Es war so wenig deutschfreundlich, daß es nunmehr Verabredungen mit Frankreich traf. Was hieß dies? Man suchte noch die Erklärung. Inzwischen schien es rätlich, der Stimmung im Lande, die von der Weisheit des Geschehenen nicht voll überzeugt war, eine Ablenkung zu gewahren.

Was tun. Ausdrücklich handelte es sich um ein Entgegenkommen für den Teil der Nation, der weder von schwerindustriellen Interessen, noch von alldeutscher Begeisterung lebte. Es war bis jetzt der größere Teil, wenn auch keineswegs der beträchtlichere. Vorübergehende Bedeutung verlieh ihm der bevorstehende Sieg der Unschuld Dreyfus’; ihr Sieg ward immer wahrscheinlicher.

So ging die Fraktion zu vertraulichen Besprechungen mit den benachbarten Fraktionen über, wegen einer Vorlage zur Abschaffung der Todesstrafe. Vertraulichkeit schien geboten durch die Furcht der Fraktionen vor einander. Das tollkühne Unterfangen konnte jede der anderen verdächtig machen. Jede sah ihre Entschuldigung einzig in der vorläufig schweigenden Zustimmung des Reichskanzlers. Wann war der Zeitpunkt da, an ihn heranzutreten? Offenbar erst dann, wenn er selbst einen Wink gab.

Terra in seiner Ungeduld suchte den Wink herbeizuführen. Er kannte wohl Lannas: es hätte nur außerhalb seines Wirkungsfeldes, nicht außerhalb seiner Natur gelegen, sich zu verlieben in die Sache eines unschuldig Verurteilten. Er hätte sie zu der seinen machen können, wenn auch frühestens in dem Augenblick, als Erfolg so gut zu erwarten war wie Mißerfolg. Von wem in seinem Wirkungsfeld konnte auch nur soviel gesagt werden? Freilich, den Entschluß zu etwas Gutem, das er wohl gewollt hätte, entrang nicht die Sache selbst ihm leicht, und auch kein Einzelner. Aber das Drängen Vieler, in aller Öffentlichkeit? Stimmen aus jener Schicht maßvoller, wohlbehüteter Geisteskultur, der seine Neigungen den Reichskanzler zuwiesen? … Der Abgeordnete der Reichspartei Terra überzeugte mehrere hochstehende Gelehrte, daß es dem Volksganzen und seiner sittlichen Entwicklung wie andererseits auch ihnen persönlich und ihrer Laufbahn nur förderlich sein könne, wenn sie sich äußerten. In den vornehmen Zeitschriften, die ihrer Natur entsprachen, äußerten sich die Gelehrten. Vorsichtig erwogen sie das Für und Wider der Abschaffung, mit vorsichtiger, immerhin fühlbarer Hinneigung zum Für.

Andere Gelehrte antworteten ihnen im Sinn des Wider – und diese viel lauter. Auch das Für bekam hierauf seine Streiter: umso entschiedenere, je mehr sie ohne amtliche und bürgerliche Geltung waren. Schon berührte der Kampf die Tagespresse, wenn auch nur im Feuilleton, da sagte der Abgeordnete Schwertmeyer, und sein Fuchsgesicht lächelte blaß: »Verehrter Kollege Terra, Sie sind abgekämpft, nehmen Sie Erholungsurlaub!«

Da Terra nicht verstand, machte Schwertmeyer noch spitzere Augen. »Jeder praktische Vorschlag, der auf das Geleise der Kulturdebatte gerät, läuft sich tot. Man hat Auffassungen geklärt, da muß nichts mehr geschehen. So ist es hierzuland, hatten Sie es noch nicht bemerkt?«

»Herr Doktor Schwertmeyer, ich glaube an mein Volk!« sagte Terra herausfordernd. Der



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